Kein Showdown in der U-Bahn

Sonntagmorgen, Fahrkartenkontrolle in der Stadtbahn Richtung Stuttgart-Hauptbahnhof. In einer Ecke hängt ein Mann. Lautsprecherstöpsel im Ohr, Augen geschlossen. Sein Fuß ist dick bandagiert und steckt in einer monströsen Schiene.

„Guden Morgän!“, ruft der Kontrolleur. Der Mann reagiert nicht. Der Kontrolleur ruft nochmal, lauter, „Guden Morgän!“ Sein Akzent klingt spanisch. Die spanischen Architekten und Ingenieure flüchten vor der Krise in Spanien und werden entweder Kellner oder Fahrkartenkontrolleure in Stuttgart. Der Mann auf dem Sitz regt sich nicht.
Der Fahrkartenkontrolleur überprüft jetzt erst einmal die anderen Fahrgäste, um Zeit zu gewinnen. Dann versucht er es wieder bei dem Schlafenden. Stellt sich direkt vor ihn hin. „Guden Morgän!“ Keine Reaktion. Jetzt schaut der ganze Wagen zu. „Ich will ihn nicht so gern anfassen“, erklärt der Kontrolleur in die Runde. Wir nicken alle verständnisvoll. Nächster Versuch. „Guden Morgän!“ Und nochmal. Jedesmal ein bisschen lauter mit der Stimme, dabei im Ton gleichbleibend freundlich. Der Mann scheint tief zu schlafen. Oder will er bescheißen?

„Jetzt fange ich aba an, mir Sorgän zu machän“, sagt der Kontrolleur. Er ist groß und kräftig und wackelt sorgenvoll mit dem Kopf. „Vielleicht geht’s ihm nicht gud?“
„So fest kann man doch gar nicht schlafen“, kommentiert jemand. Wieder nicken alle. Der Kontrolleur brüllt noch geschätzte zehnmal „Guden Morgän!“ und schließlich stupst er den Mann an der Schulter an. Vorsichtig zuerst. Dann kräftiger. Noch ein bisschen kräftiger. Der Mann öffnet langsam, sääähr langsam, die Augen und guckt den Kontrolleur verwirrt an. Glasig. Alkoholisch.
„Geht’s Ihnän gud?“, fragt der Kontrolleur, ehrlich besorgt.
Langsam fummelt sich der Mann die Stöpsel aus den Ohren. „Was… was ist…“, murmelt er schlaftrunken.
„Erst wollte ich ihre Fahrkarte sehen“, erklärt der Kontrolleur. „Dann habe ich mir Sorgen gemacht.“
Der Mann springt auf, steht schwankend auf seiner Schiene, kramt in seinen Hosentaschen. Alle gucken gespannt zu. Hat er eine Fahrkarte? Hat er keine?
„Bleiben Sie sitzen!“, sagt der Kontrolleur beschwichtigend. Immer noch sehr, sehr freundlich. Der Mann findet seine Fahrkarte, zeigt sie vor, sinkt wieder auf den Sitz. „Alles ist gut!“, meint der Kontrolleur. „“Sie warän nicht wachzukriegän.“
„Ich bin gestern zu einem Geburtstag gefahren“, murmelt der Mann. „Und jetzt fahr ich heim.“
„Gestern? Dann war’s wohl schön!“, meint der Kontrolleur vergnügt. Wünscht dem Mann noch einen schönen Tag. Steigt am Hauptbahnhof aus.

Mir fällt ein anderer Kontrolleur ein, der einmal vor meinen Augen eine Erzieherin wegen Schwarzfahrens verknacken wollte, weil sie nicht sofort den Fahrausweis abstempelte, sondern erst ihre Kleinkindergruppe sicher auf den Plätzen verstaute. Es geht auch anders…

P.S. Sehr erheiternd fand ich, dass unser OB Fritz Kuhn es letzten Montag für nötig hielt, öffentlich zu verlautbaren, dass der „Tatort“ zum Thema Stuttgart 21 reine Fiktion sei und nichts mit der Realität zu tun habe. In dem Film ging es um den Mord an einem Politiker, der Gleisflächen vertickert hatte. Stuttgart 21 ein Immobilienspekulationsobjekt? Reine Fiktion…
P.P.S. „Zur Sache, Schätzle!“ ist druckfrisch erschienen und liegt schon in vielen Buchhandlungen bereit! Und nächste Woche ist Premiere – bei 38 Grad Außentemperatur im klimatisierten Renitenz-Theater!

4 Kommentare

  1. Nachdem ich schon alle 3 Bände um die Protagonistin Pipeline Praetorius gierig verschlungen hatte, war ich in heller Aufruhr als ich erfuhr, dass ein 4. Band erscheinen wird. Diesen hatte ich mir bei einem bekannten Versandhaus vorbestellt und vor einigen Tagen hielt ich ihn endlich in meinen Händen! Ich musste mich zwingen, langsamer zu lesen. Sonst wäre das gute Buch ja in 2 Tagen durchgelesen und ich wollte schließlich länger etwas davon haben . Leider ist es nun soweit und ich habe das Buch durchgelesen. Wie die bisherigen Bände auch, war es einfach nur klasse! Vielen, vielen Dank dafür! Auch wenn die Frage eindeutig verfrüht ist, aber : Besteht Hoffnung auf einen 5. Teil oder entscheidet sich das spontan ? Ich lese sehr gerne und kann mich nicht daran erinnern, jemals so viel bei einem Buch laut gelacht zu haben!

    • Liebe Frau Maier, vielen Dank fürs Lob! Das motiviert sehr, vor allem, weil ich noch nicht viel Feedback zum neuen Buch habe.
      Ob es einen fünften Band gibt? O je. Da erwischen Sie mich kalt. Das nächste Buch wird in jedem Fall etwas Neues. Also weder eine Fortsetzung vom „Häusle in Cornwall“ noch ein Line-Buch. Was genau weiß ich aber auch noch nicht. Und dann schaun wir mal! Ob Ideen da sind für einen fünften Band, oder ob es anders weitergeht. Tut mir leid, dass ich nichts Konkreteres sagen kann! Herzlich Elisabeth Kabatek

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