Gelesen. Jon Krakauer: In eisige Höhen

Ein Buchtipp zum Thema „Besteigung des Mount Everest“? Ist das nicht was für Kletterfreaks und Spezialisten? Mitnichten.

In seinem Buch „In eisige Höhen“ (engl. Into thin air) dokumentiert der amerikanische Journalist und erfahrene Bergsteiger Jon Krakauer seine Teilnahme an einer Mount-Everest-Expedition im Frühjahr 1996 (nein, das Buch ist nicht neu, aber es ist ein echter Klassiker!). Krakauer sollte eigentlich auf Einladung des amerikanischen Magazins Outside eine Everest-Besteigung dokumentieren und die zunehmende Kommerzialisierung des Bergsteigens darstellen. Doch die Expedition endete in einer Katastrophe. Am Gipfeltag im Mai zog plötzlich ein Schneesturm auf, und weil einige Bergsteiger den Gipfel viel später als geplant erreichten, schafften sie es nicht mehr rechtzeitig zurück ins Zeltcamp und erfroren. Insgesamt starben an diesem Tag zwölf Menschen – die bis dahin schlimmste Katastrophe am Everest.

Jon Krakauer erzählt minutiös von den Vorbereitungen auf die Besteigung und trägt zusammen, wie es zur Katastrophe kommt. Kurz zusammengefasst ist deren Auslöser letztlich die Konkurrenz zweier kommerzieller Expeditionsteams, die beide ihre zahlenden Kunden auf den Gipfel bringen möchten, komme, was wolle. Jeder von ihnen hat schließlich mindestens 70.000 Dollar bezahlt, und je mehr Kunden es bis ganz nach oben schaffen, desto besser der Ruf des Expeditionsleiters und der Werbeeffekt für die nächste Expedition. Geradezu unfassbar erscheint es, dass manche Teilnehmer gerade mal über Grundkenntnisse im Eisklettern verfügen und vor Ort gecoacht werden, obwohl sie mehrmals den hochgefährlichen Khumbu Icefall überwinden müssen. Genauso unglaublich ist die schlechte gesundheitliche Verfassung, in der sich die meisten Bergsteiger nach ein paar Wochen in der dünnen Luft befinden. Aber wozu gibt es Sherpas, die unter höchstem Risiko Ausrüstung und Sauerstoff transportieren und den Aufstieg mit Seilen und Leitern sichern? Und wozu gibt es den Expeditionsleiter, der sich höchstpersönlich darum kümmert, seine Kunden auf den Gipfel zu bringen? Alles nur eine Frage des Geldes.

Krakauer erzählt so spannend, dass man glaubt, selber in einem eiskalten Zelt im Basislager zu sitzen (mir war jedenfalls beim Lesen immer kalt). Ohne seinen eigenen Anteil am Unglück und die schlimmen Schuldgefühle zu verschweigen, die ihn als Überlebenden plagen, stellt er letztlich die Frage, ob es nicht eine einzige Anmaßung ist, sich die Natur um jeden Preis untertan machen zu wollen, wenn man nur das Geld dazu hat. Geradezu mythisch erscheint der Everest, den die Sherpas als Göttin verehren. Die tragischen Unglücke am Everest, die sich in den letzten Jahren ereignet haben, sowie die Proteste der Sherpas gegen zu schlechte Bezahlung und zu hohes Risiko geben Krakauer recht. Wenn er beschreibt, wie die nachfolgenden Bergsteiger ungerührt an den gefrorenen Leichen vorbeimarschieren oder Bergsteiger in Not lieber sterben lassen, um den eigenen Aufstieg nicht zu gefährden, dann fragt man sich schon, was Menschen in Kauf zu nehmen bereit sind, um ihrem eigenen Hobby zu frönen, und das nicht nur am höchsten Berg der Welt.

Übrigens kommt eine Neuverfilmung des Buches unter dem Titel „Everest“ demnächst in die Kinos, prominent besetzt mit Jake Gyllenhaal und Keira Knightley (die muss furchtbar gefroren haben, so dünn, wie sie ist). Krakauers Roman „Into the wild“ wurde bereits erfolgreich verfilmt.

P.S. Nächste Woche „Schätzle“-Lesungen in Reutlingen, Balingen und Geislingen bei Balingen! Und am Samstag, 26. September treten Elisabeth Kabatek, Susanne Schempp und Harald Mall von 15 bis 17 Uhr im Kaufhof Stuttgart, Königstraße, in der Parfümerie mit den besten Songs aus den Lesungen auf! Eintritt frei! Alle Einzelheiten unter http://www.e-kabatek.de

2 Kommentare

  1. Die Himalaya-Region in Nepal war im April und Mai diesen Jahres von zwei schweren Erdbeben erschüttert worden. Dabei kamen fast 9000 Menschen ums Leben. Pünktlich zum Beginn der Herbstsaison darf der Mount Everest nun wieder bestiegen werden. Nepal hofft auf Besuchermassen, denn das Land profitiert erheblich vom Bergsteiger-Tourismus…..

  2. Obwohl das Buch schon einige Jahre alt ist, hat es nichts von seiner Aktualität verloren. Das Tragische dabei ist, dass es für die Sherpas dort die einzige Einkommensquelle ist, sie deshalb kaum eine Alternative haben als sich dem Risiko des Berges auszusetzen.
    Ilse

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