Stell dir vor, du verlässt die EU und weißt nicht, wohin: Nach dem Referendum

Freitag Nachmittag, am Tag der Entscheidung. Ich stehe am Flughafen Stuttgart in der Schlange am Gate auf dem Weg nach England und frage die Frau vor mir, ob sie glücklich oder unglücklich ist.

Natürlich gehe ich davon aus, sie ist genauso geschockt und unglücklich wie ich. Sie zögert, weil sie offensichtlich ahnt, was ich hören will, und weil sie mich enttäuschen muss. „Ich habe für raus gestimmt“, sagt sie schließlich. Erstaunlich direkt, die Briten reden nicht gern mit Fremden über Politik. „Ich komme aus Yorkshire. Die Farmer, wissen Sie. Und überhaupt. Man muss tun, was man tun muss.“ Die Farmer, will ich schreien, die Farmer bekommen jetzt keine EU-Subventionen mehr, aber natürlich halte ich höflich die Klappe. Später rennt ein Typ durchs Flugzeug, der Perücke, Seidenstrümpfe und ein Kleid trägt, das aussieht wie der Union Jack, die Flagge des Vereinigten Königreichs. Er ist betrunken und offensichtlich sehr happy. Die Frau neben mir im Flugzeug sagt auf meine Nachfrage, sie weiß nicht, was sie denken soll. „Ich bin mir nicht sicher, was das für uns bedeutet. Man muss jetzt abwarten. Sie haben uns belogen, alle haben uns belogen, die Befürworter und die Gegner des Brexit. Du kannst niemandem mehr trauen.“
In Manchester ist am Morgen die historische Entscheidung verkündet worden. Am Abend in der Nähe von Manchester im Pub ist die Stimmung entspannt; der Brexit ist ein Thema, das schon, aber besonders aufgeregt ist hier niemand. Manchester hat für raus gestimmt.

Anders sieht es in den Medien aus. Die Schmutzpresse, wie beispielsweise die „Sun“ jubelt, die BBC kennt nur ein Thema. Im Laufe des Wochenendes wird analysiert, diskutiert, berichtet. Und ziemlich schnell dämmert es: Es herrscht Chaos. Das Brexit-Lager hat eigentlich keinen Plan. Keinen Plan für den Ausstieg, keinen Plan für die Verhandlungen mit der EU. Weil: Eigentlich hat keiner damit gerechnet. Boris Johnson, Leithammel der Brexit-Kampagne, der sich bestimmt jeden Morgen absichtlich die Frisur verwuschelt, damit er wie der Wolf im Schafspelz niedlich aussieht, sieht irgendwie ziemlich geschockt aus, als er am Morgen des Brexit vor die Kamera tritt. O Gott, was habe ich bloß getan, scheint sein Gesichtsausdruck zu sagen. Jeremy Corbyn, Chef der Labour-Partei, verliert am Wochenende 12 Mitglieder seines Schattenkabinetts, weil sie ihm Versagen in der EU-Kampagne vorwerfen und seinen Rücktritt fordern. Politisches Vakuum.

Wer wird jetzt Nachfolger von David Cameron? Wer führt die Verhandlungen? Und was wird eigentlich verhandelt? Was sind eigentlich die Ziele? Was werden die Schotten machen? Schottland hat für die EU gestimmt und will jetzt ein zweites Referendum über die Unabhängigkeit. Können die Schotten auch alleine in der EU bleiben? Was passiert mit Nordirland? Wird es wieder Schlagbäume geben, und was ist mit dem Friedensprozess? Die Ausländer, die man eigentlich rauskicken wollte, vielleicht braucht man sie ja doch? Denn wer soll denn sonst die Drecksarbeit machen, die Briten selber bestimmt nicht! Schon am Freitag stürzen diese Ausländer auf die Ämter, um sich Einbürgerungsanträge zu holen. Umgekehrt stürzen Briten im EU-Ausland auf die Einbürgerungsämter, um sich Anträge zu holen, damit sie EU-Bürger werden können, bevor der Austritt vollzogen ist. Die Wartezeiten für Einbürgerungen werden sich deutlich verlängern. Alle, die persönlich vom Brexit betroffen sind, sei es wegen Arbeit, Aufenthalt oder Familie, sind zutiefst verunsichert. Wie wird es in Zukunft sein, für was wird man Visa oder Genehmigungen benötigen?

Heute Morgen dann heißt es, Millionen Briten bereuen ihre Entscheidung. 3,6 Millionen Briten haben am Wochenende eine Petition unterschrieben, dass sie das Referendum gerne wiederholen wollen. Ein Historiker sagt im Interview mit der BBC, dass es sich beim Brexit um eine der weitreichendsten Weichenstellungen in der Geschichte des Vereinigten Königreiches handelt.

Am Wochenende habe ich Peter und Alison kennengelernt, er Lehrer, sie Krankenschwester. Peter hat für die „Remain“-Kampagne Flugblätter verteilt. Stundenlang reden wir über den Brexit und spekulieren über die Folgen. Ihr Sohn wohnt mit einer deutschen Ehefrau in München, nächste Woche fliegen sie wieder hin und gehen mit den Enkeln in den Englischen Garten. „Am liebsten würden wir nach Deutschland zu unserem Sohn ziehen“, sagt Alison am Sonntagmorgen, zwei Tage nach der Entscheidung. „Gestern Morgen habe ich mich schon weniger britisch gefühlt als noch am Freitag, und heute Morgen fühle ich mich noch weniger britisch.“

P.S. BREXIT – was ist eigentlich passiert?
Fassen wir noch einmal ganz kurz zusammen:

Im Januar 2013 verkündete David Cameron, britischer Premierminister, dass es ein Referendum zur EU-Mitgliedschaft geben würde. Cameron war sich sicher, dass die Mehrheit der Briten für die Mitgliedschaft stimmen würde. Er wollte damit den ständigen Diskussionen über die EU ein Ende setzen. Die rechtspopulistische Ukip-Partei unter der Führung von Nigel Farage gewann immer mehr Anhänger, auch aus dem Lager der konservativen Partei Camerons, und er hoffte, durch das Referendum die Abwanderung von Wählern zu stoppen. Leider ging seine Rechnung nicht auf. In einer extrem schmutzigen Kampagne gelang es den Brexit-Befürwortern, Millionen von Briten einzureden, dass ein unabhängiges Großbritannien ausländerfrei, regelfrei und souverän sein würde. All das Geld, das jede Woche nach Brüssel floss, würde endlich wieder zur Verfügung stehen für das eigene Wohl. „Let’s get back control“, wir holen uns die Kontrolle zurück, war einer der Hauptslogans der „Out-„Kampagne, als ob es in Zeiten der Globalisierung einem Land allein besser gehen würde als in einem Verbund. Dahinter steht das tief in der britischen Mentalität verwurzelte Ideal des britischen Empire, das die Weltmeere und Kolonien beherrscht – kein Wunder, dass vor allem die ältere Generation für den Brexit gestimmt hat. Man redete den Menschen ein, dass der Türkei-Beitritt beschlossene Sache sei und Millionen Türken das Land überfluten würden, zusätzlich zu den verhassten Polen, die den Briten Arbeitsplätze, Wohnungen und den Platz im Wartezimmer beim Arzt wegnahmen. Ja, die Brexit-Kampagne war zutiefst rassistisch geprägt. Dazu kam, dass der ehemalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson, der übrigens früher in Comedy-Sendungen auftrat, sich plötzlich auf die Seite der EU-Gegner schlug, obwohl er früher noch ein Kumpel von David Cameron war und eigentlich als EU-Befürworter galt; aber Johnson spekulierte auf die Nachfolge von Cameron im Falle eines Austritts. Johnson gelang es mit seinem Charisma und einer geschickten Medienkampagne, Millionen Briten von den Vorteilen des Austritts zu überzeugen. Ein weiteres Problem war der schwache Auftritt von Jeremy Corbyn, dem Chef der Labour-Partei. Wäre es ihm gelungen, die Labour-Wähler zu mobilisieren, wäre die Abstimmung sicher anders ausgefallen. Doch zum einen war Corbyn persönlich nicht wirklich von der EU überzeugt (er gab einmal an, auf einer Skala von 1-10 sei er 7,5 für die EU…), zum anderen fühlten sich viele Labour-Wähler vor allem in ländlichen Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit im Stich gelassen. Die Spaltung für und gegen die EU ging quer durch die Parteien und ihre Anhänger. So war dieses Referendum für viele Wähler eine Protestwahl: ein Protest, weil sie sich von der Politik alleingelassen und nicht ernst genommen fühlten. Ein Protest letztlich nicht einmal gegen die EU. Doch den Parteien dämmerte dies leider erst nach dem Brexit.

3 Kommentare

  1. Am meisten wundert mich, dass auch die Brexit-Befürworter jetzt nicht wissen, was zu geschehen hat. Man kann sich doch nicht vehement und fast militant für eine Sache einsetzen, von der man gar nicht weiß, wie sie hinterher umzusetzen ist. Das wäre ja grad so, als begänne man einen Bahnhof unter der Erde zu buddeln, ohne zu wissen, ob der hinterher auch funktioniert. So was würde doch keiner machen….

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