Gelesen und Gesehen. Zwei Lese- und ein Filmtipp

Zwei Lesetipps kann ich vor Weihnachten noch geben. Das eine Buch ist sehr gute Unterhaltung, das andere Buch ist sehr lesenswerte, aber extrem harte Kost…

Brigitte Glasers Roman „Bühlerhöhe“ war ein Überraschungserfolg – und das zu Recht: Gut geschrieben, spannend erzählt, historisch interessant. Rosa Silbermann ist vor den Nazis nach Israel geflohen. Nur ihre Schwester hat außer ihr den Holocaust überlebt. In einem Kibbuz finden beide eine neue Heimat. Rosa verteidigt glühend die Ideale des Staates Israel. Weil sie als Kind im Schwarzwald ihre Sommerferien verbracht hat, wird sie für eine heikle Mission ausgewählt: sie soll dem Mossad-Agenten Ari zur Tarnung als Ehefrau dienen, da wegen der Reparationsverhandlungen zwischen Israel und Deutschland ein Anschlag auf Kanzler Adenauer befürchtet wird, der ein paar Tage Sommerurlaub auf der Bühlerhöhe im Schwarzwald plant. Nur widerstrebend lässt sich Rosa auf den Auftrag ein. Doch als sie auf der Bühlerhöhe ankommt, ist sie zunächst auf sich allein gestellt. Ari ist nicht aufgetaucht… und das ist erst der Beginn vieler Komplikationen.

Der Roman wird aus drei weiblichen Perspektiven geschildert, neben Rosas‘ Sicht ist es die von Agnes, die in dem der Bühlerhöhe benachbarten Hotel Hundseck die Buchhaltung macht, und die von Sophie, Hausdame (bzw. Hausdrachen) auf der Bühlerhöhe. Dieser gut recherchierte Roman macht wirklich Spaß. Wie in einem Krimi werden verschiedene Verdächtige, die möglicherweise ein Attentat planen, vorgestellt. Man kommt zwar relativ früh auf den potenziellen Attentäter, und auch die Beziehung zwischen Ari und Rosa kann nicht so ganz überzeugen, aber über diese Schwächen sieht man gerne hinweg. Der Schwarzwald ist zudem eine überzeugende Kulisse für diesen lesenswerten Roman!

Dass Carolin Emckes Dokumentation „Von den Kriegen – Briefe an Freunde“ Spaß macht, kann man nun wirklich nicht behaupten. Die Trägerin des diesjährigen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels geht dahin, wo es wehtut: In die Textilfabriken von Nicaragua beispielsweise, wo Billigjeans im Akkord hergestellt werden, die dann im Westen verkauft werden. Sie ist in New York, als die Anschläge des 11. September verübt werden. In einem Gefängnis in Kabul redet sie mit einem Jordanier, der im Rahmen eines Selbstmordkommandos möglichst viele Amerikaner töten wollte, und sucht nach den Gründen, warum Menschen Attentate begehen. Bei alldem ist sie einerseits empathisch, andererseits versucht sie selbst dem Terroristen ohne Vorverurteilung zu begegnen. Das muss wehtun. Ich beneide sie nicht um ihre Aufgabe, die sie wie eine Berufung, eine selbstgewählte Mission zu erfüllen scheint, getrieben von einem tiefen Bedürfnis, Ungerechtigkeiten in der Welt zu beobachten, zu benennen und anzuklagen. Emckes Voraussetzungen sind denkbar schlecht, als bekennende Homosexuelle und als Frau hochgefährliche Länder und Krisenregionen zu bereisen. Das Buch ist von 2006 und erinnert uns an längst vergessene Kriege. Ich will nicht mit ihr tauschen: Hut ab, Carolin Emcke!

Buchtipp Nr. drei heißt natürlich, einen Gutschein für „Kleine Verbrechen erhalten die Freundschaft“ unter den Christbaum zu legen, Erscheinungsdatum 10. Januar, oder eine Karte für die Buchpremiere am 29. Januar im Theater der Altstadt.

https://shop.reservix.de/off/login_check.php?vID=6261&id=c01db5b9fcae2c02483eb528bf8aa0496e3bd0b52493a2c32adcb7b38953f0f2c9ca93ebb6197f512bf812b7a70e7d74&eventGrpID=213927&eventID=914653

Zum Abschluss noch ein Filmtipp: In Stephen Frears‘ Film „Florence Foster Jenkins“ bilden Meryl Streep und Hugh Grant ein ungewöhnliches Traumpaar. Der Film erzählt die wahre Geschichte einer reichen New Yorkerin in den vierziger Jahren, die nichts so sehr liebt wie die Musik und den Gesang, auch ihren eigenen. Sie hat nur ein klitzekleines Problem: Sie kann überhaupt nicht singen, was allen auffällt, nur ihr selber nicht. Das geht so weit, dass Florence eine Platte einspielt und in der legendären Carnegie Hall auftritt. Wie es Meryl Streep gelingt, ihre Figur hysterisch und lächerlich anzulegen, ohne dass sie dabei jemals ihre Würde verliert, wie es Hugh Grant in der Rolle ihres Ehemanns wiederum gelingt, die Verletzlichkeit von Florence bedingungslos zu akzeptieren und seine geliebte, entsetzlich naive Gattin vor allen bösen Zungen und Kritikern zu schützen, obwohl er parallel eine Geliebte hat, das zeigt zwei grandiose, gereifte Schauspieler, die längst aus dem einfach gestrickten Komödienfach hinausgewachsen sind. Dritter im Bunde ist der gnadenlos komische Simon Helberg als Pianist Cosme McMoon, der ständig um seinen Ruf fürchtet, seine Loyalität zu Florence aber über alle Bedenken stellt.

Ein Film zum (sehr viel) Lachen und Weinen, mit unglaublichen Klamotten, und mit sehr viel schräger und schöner -Musik, geradezu perfekt für die Vorweihnachtszeit!

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