Über den Niedergang des stationären Buchhandels

Gestern führte ich ein langes Gespräch mit einer Stuttgarter Stadtteil-Buchhändlerin. Seit vielen Jahren führt sie engagiert ihren Laden, organisiert Lesungen und Buchvorstellungsabende. Schon seit Ende der neunziger Jahre kann man bei ihr online bestellen und die Bücher werden portofrei zugeschickt. Mehr kann man nicht tun, oder?

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hatte am 28. Dezember 2016 stolz verkündet, der Buchhandel habe im Weihnachtsgeschäft ein Umsatzplus von 1,4 Prozent erzielt. Es seien zwar weniger Kunden in den Laden gekommen als 2015, diese hätten aber mehr gekauft. Die Buchhändlerin kann das nicht bestätigen. Extrem ruhig sei es vor Weihnachten gewesen. Dasselbe hat mir ein Buchhändler aus der Nähe von Stuttgart erzählt. „In der Woche vor Weihnachten hätten wir eigentlich zumachen können.“ Und was ist mit dem angeblichen Umsatzplus? Daran glaubt er nicht. „Die Verlagvertreter erzählen mir auch was anderes.“
Es ist eine traurige Tatsache: Der stationäre Buchhandel ist in der Krise. Seit Jahren tingele ich mit Lesungen durch Baden-Württemberg und habe dabei in kleineren und mittleren Orten unzählige engagierte Buchhändlerinnen und Buchhändler kennengelernt. Es ist überall dasselbe: Selbstausbeutung bis hin zur Erschöpfung und zu Gesundheitsproblemen, Aushilfen müssen entlassen, Azubis können nicht mehr ausgebildet werden. Damit bleibt natürlich noch mehr Arbeit an denen hängen, die zurückbleiben. Büchertische bei Lesungen, das ist in den meisten Fällen keine Arbeitszeit, sondern Ehrenamt – auch für die Angestellten. Die einzige Buchhandlung, die mir in den letzten Jahren gesagt hat, bei ihnen läuft es richtig gut, liegt in Blaubeuren.

Der Killer ist der Online-Buchhandel, natürlich, aber nicht allein. Meine Theorie ist: Lesen wird für immer weniger Leute zu einem Hobby, dem sie wirklich Zeit widmen. Am Auffälligsten ist das in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Fast niemand hat mehr eine Zeitung oder ein Buch in der Hand. Stattdessen wird aufs Handy gestarrt und gewhatsappt, was das Zeug hält. Manche haben noch einen E-Book-Reader, immerhin. Ich erlebe das auf bei meinen Lesungen: viele Leute kommen zur Lesung als Event, finden das alles ganz prima, kaufen aber nicht unbedingt das Buch. Ein weiterer Grund ist sicher, dass die Innenstädte oder Stadtteile, wo die Buchhandlungen liegen, zum Einkaufen immer unattraktiver werden. Wettbüros, Dönerläden oder Tattoo-Shops laden nicht unbedingt zum Bummeln ein, und die Käufer zieht es in die großen Einkaufszentren, anstatt vor Ort einzukaufen. „Eines Tages werden sich die Leute die Augen reiben und sich fragen, warum sie nicht mehr lokal einkaufen können“, sagt die Buchhändlerin. „Doch dann ist es zu spät.“ In der Tat. Sollten all die wunderbaren kleinen Buchhandlungen aus wirtschaftlichen Gründen zumachen müssen, dann gehen nicht nur Läden verloren, sondern ein riesiges Stück an Kultur. Wieviel ärmer wäre unser Leben dann?

P.S. Donnerstag, 2. März, Elisabeth Kabatek live bei der Landesschau Baden-Württemberg!
P.P.S. Veranstaltungstipp für Stuttgart:
SÖS-Treff. für Politik und Kultur lädt herzlich ein:
Das Smartphone – mein personal Big Brother? Wie Big Data schleichend die Demokratie aushöhlt. Kann man sich vor der Überwachung schützen? Und wenn ja, wie?
Referent: Peter Hensinger
Donnerstag, 9. März 2017, 19 Uhr, Der Eintritt ist frei. Über Spenden freuen wir uns.
SÖS-Treff. für Politik und Kultur, Arndtstraße 29/Ecke Vogelsangstraße im Stuttgarter Westen
ÖPNV: U9 und U2 Haltestelle Spitta-/Arndtstr. Bus 40 bis Vogelsang; Bus 42 bis Bismarckplatz

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