Vesperkirche, die etwas andere Seite von Stuttgart

Es gibt panierten Fisch mit Remouladensoße und eine ordentliche Portion Kartoffelsalat. Der Fisch ist nicht mehr richtig warm und zu dick paniert, aber der Kartoffelsalat ist perfekt. Ein bisschen glitschig, wie ein echter schwäbischer Kartoffelsalat eben sein muss. Meine Nachbarin hätte gern einen Nachschlag davon, aber wegen des großen Andrangs gibt es stattdessen Knöpfle mit Tomatensoße.

„Das sind aber komische Spätzle“, findet sie, bis ich sie darüber aufkläre, was Knöpfle sind. 1,20 Euro für Essen mit Brot und Nachschlag, Kaffee und Tee soviel man will, und dann noch einen Vesperbeutel, willkommen in der Leonhardskirche in Stuttgart. Es ist Vesperkirchenzeit, die Kirchenbänke sind ausgebaut, Tische und Stühle aufgestellt, noch bis zum 5. März.

Ich sitze inmitten einer rumänischen Familie: Vater und Mutter im Rentenalter, Tante, Tochter. Sie kennen sich aus. „Ludwigsburg ist besser, da kommst du mit Aufzug hoch, und kriegst noch Kuchen.“ Kostet dafür aber auch 1,50 Euro und dann noch die Fahrtkosten nach Ludwigsburg. Lohnt also nicht. Die Tochter hat mich sehr freundlich heran gewunken, als ich mit meinem Essen in der vollen Kirche einen Platz gesucht habe. Die Tante gegenüber rückt ihr Gebiss zurecht, der Vater seine Wollmütze. Er hat sich gerade in der Vesperkirche die Haare schneiden lassen, umsonst, von einem griechischen Friseur. „Lass mal sehen, Papa!“, sagt die Tochter. Der Vater lupft für eine Sekunde die Mütze und grinst. Dann beschwert er sich bei mir darüber, dass das deutsch-rumänische Rentensystem nicht funktioniert. Auch wenn die Renten steigen, ihm wird immer nur was abgezogen, unverschämt sei das. Die Tochter lässt sich gerade scheiden, ihr Mann hat eine Andere, sie sei noch immer traurig deswegen. 150 Euro Unterhalt im Monat zahlt er ihr. Das ist nicht viel, aber mehr geht nicht, er ist arbeitslos. Ihr Sohn ist acht und lebt bei ihr, sie halten zusammen wie Pech und Schwefel. Sie hätte gern einen neuen Partner, aber im Augenblick gibt es keine guten Männer, wie sie findet. „Gott wird mir einen neuen Mann schicken, ich suche nicht.“ Einen, der es ehrlich meint und eine Beziehung sucht, keinen Flirt. Nicht der, der ihren Sohn nicht mochte, weil er fand, der sei zu schlecht erzogen.

Am Nachbartisch ist unterdessen ein Streit ausgebrochen. Eine Weile geht es hitzig zur Sache, dann werden die Stimmen immer lauter, bis einer der Ehrenamtlichen herbeieilt und die beiden Streithähne zu Ruhe und Ordnung ermahnt. Das funktioniert erstaunlich gut. Überhaupt, die Ehrenamtlichen. Alle sehr freundlich, kassieren sie fürs Essen, teilen es aus, räumen die Tische ab. Immer mit einem Lächeln, auch, wenn die Besucher noch so schräg drauf sind.

Es ist eine wilde Mischung, die sich hier in der Vesperkirche trifft. Draußen vor der Tür sind die mit Hunden, Hunde müssen draußen bleiben. Drinnen sind viele, denen man die Armut ansieht, alte, zerlumpte, zerzauselte Gestalten, die Roma-Familien, die man normalerweise am Hauptbahnhof sieht, verwirrte Menschen, die vor sich hinmurmeln oder –schimpfen, eine körperbehinderte Frau, die ihre Bewegungen nicht kontrollieren kann und gegen jeden Stuhl kracht, aber eben nicht nur. Bei vielen weiß man nicht, kommen sie aus Neugierde, wollen sie mit armen Menschen ins Gespräch kommen, sind sie ärmer als sie aussehen, oder wollen sie einfach nur ein günstiges Mittagessen? Ein Mann sieht aus, als ginge er normalerweise eher zum Business Lunch in ein schickes Restaurant, jetzt sitzt er am Anfang des Tisches und isst schweigend, und ohne nach links oder rechts zu gucken. Ob er einfach mal sehen will, wie das so ist, im reichen Stuttgart arm zu sein, oder nur ein günstiges Essen abgreifen, wer weiß das schon. Ein anderer zieht zum Essen nicht einmal den Fahrradhelm vom Kopf, der Riemen unter dem Kinn bewegt sich beim Kauen auf und ab.

Während die Tochter für uns beide Kaffee holt, beschäftigt sich ihr rumänischer Vater mit meiner Zukunft. Ob ich nicht zufällig Arbeit suche. Er ist nämlich beim Sicherheitsdienst der Deutschen Bahn, 450-Euro-Job, die suchen immer Frauen. „Da gehen zehn Leute und dann suchen sie wieder zehn neue.“ Was man denn da so tun muss, frage ich. „Nachts im Hauptbahnhof Streife gehen, oder die Kontrolleure begleiten“, meint er. Immer zu zweit sei man da, ein Mann und eine Frau, da könne man unbesorgt sein, und Handschellen und Schlagstöcke hätten nur die mit den offiziellen Mützchen. Als ich den Job dankend ablehne, will er mir stattdessen einen Mann vermitteln. Der kommt gerade zur Tür herein, trägt eine grüne Latzhose der Wilhelma, ist nicht mehr der Jüngste und auch nicht unbedingt der Schlankste, aber als Heiratsmaterial hervorragend geeignet, wie der Vater versichert. Auch Rumäne. „Mein Papa will mir auch immer Rumänen vermitteln“, sagt die Tochter kopfschüttelnd, als sie den Kaffee vor mich hinstellt. „Mein Ex-Mann ist Iraker. Mir reicht’s, ich will jetzt einen deutschen Mann.“ Deutsche Qualität, eben. Wir verabschieden uns sehr freundlich voneinander. Vielleicht sehn wir uns nochmal, meint sie, nächsten Freitag, wenn es wieder Fisch gibt, und bevor die Vesperkirche ihre Pforten schließt. Dieser erstaunliche Ort, wo man mit Wildfremden über Liebe, Glück und Unglück spricht.

http://www.vesperkirche.de

P.S. Termine, Termine:
Am Donnerstag, 2. März, Elisabeth Kabatek zu Gast in der Landesschau!

Am Samstag, 4. März, Signierstunde bei Wittwer im Breuningerland Ludwigsburg!

Am Dienstag, 7. März, Lesung mit Susanne Schempp in Eislingen!
http://www.e-kabatek.de/termine/default.htm

UND Die neue proeuropäische Bewegung „Pulse of Europe“ ist in Stuttgart angekommen und trifft sich dort ab sofort jeden Sonntag um 14 Uhr auf dem Schlossplatz!
http://pulseofeurope.eu/stuttgart/

1 Kommentar

  1. Hallo Elisabeth, super beschrieben Deine Erlebnisse in der Vesperkirche! Der eigentliche Skandal ist aber dass es so etwas gibt, das viele Menschen nicht genug Geld haben um „normal“ essen zu gehen, dass die Hartz 4 Sätze zu niedrig sind und Hartz 4 Bezieher/Innen sanktioniert werden und dann noch weniger Geld bekommen! Es gibt MitarbeiterInnen und Mitarbeiter im Jobcenter die den Leuten sagen, sie sollen doch in die Vesperkirche oder in den Tafelladen gehen wenn sie mit ihrem Geld nicht auskommen.
    Die meisten Vesperkirchen, auch die in Stuttgart, funktionieren längst nicht mehr nur ehrenamtlich. Ohne Hauptamtliche wäre diese Dimension gar nicht mehr zu bewältigen.
    Ich bin für die Schließung von Tafelläden und Vesperkirchen, soll doch der Rewe seine abgelaufenen Lebensmittel und das Gemüse in einem Bereich des Ladens rausstellen, dann kann jeder der abends kocht für seine WG oder seine Großfamilie das Gemüse mitnehmen. Das erspart den Menschen die Diskriminierung in einem Tafelladen einkaufen zu müssen, spart außerdem den Transport durch die ganze Stadt, der auch von der entstandenen Armutsindustrie durchgeführt wird.
    Für die Treffen mit anderen Menschen können wir kostenlose Kulturveranstaltungen in der Leonhardskirche durchführen, die reiche Stadt Stuttgart könnte auch die Künstler bezahlen die dort auftreten.
    Das Restaurant Zauberlehrling (gleich um die Ecke) könnte das Catering übernehmen und alle solidarischen Menschen (so ein blödes Wort die Ehrenamtlichen) können von mir aus Kaffee ausschenken, Tische saubermachen, sich zu den Leuten hinsetzen, miteinander sprechen und Freude am Zusammensein haben.
    Außerdem könnte die Städtische Wohnbaugesellschaft SWSG einen Stand haben und Wohnungen anbieten für Menschen mit geringem Einkommen.
    Das Jobcenter und die Universität Stuttgart könnten über Arbeitsmöglichkeiten und Studienmöglichkeiten informieren.

    Das wäre eine städtische Willkommenskultur!

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