Im Wald: Der Teppich und die Musketiere

Im Wald kann man so einiges erleben, Perserteppiche und Theaterstücke…

Auf meiner Joggingstrecke im Stuttgarter Wald tat sich vor ein paar Wochen Wunderliches. Mitten auf dem schattigen Weg lag auf einmal ein Perserteppich. Er erinnerte mich an den Perserteppich, den meine Eltern im Wohnzimmer liegen hatten, früher, als solche Teppiche noch ein Statussymbol waren. Noch eine andere Geschichte viel mir ein, wie ich nämlich vor vielen Jahren mit meinem damaligen Freund entgegen aller Vorsichtsmaßnahmen in Tunesien in einen Teppichladen geriet. Teppiche wurden vor uns ausgebreitet, Tee wurde angeboten, und alle Beteuerungen, wir bräuchten keinen Teppich, lächelnd mit der Hand weggewedelt. Endlich sagte mein Freund, er sei ein armer Student, er könne sich solch prächtige Teppiche, die sicherlich ihren Preis mehr als wert wären, leider nicht kaufen. Daraufhin brachte der gewitzte Teppichhändler einen winzigen Teppich herbei und meinte, auch ein armer Student würde sich doch gewiss einen Teppich dieser Größe leisten können? Der Freund musste so lachen über den schlauen Verkäufer, dass er den Studententeppich kaufte und seiner Mutter schenkte, die ihn an die Wand hängte.

Es sind schlechte Zeiten für den Perserteppich. Junge Menschen richten sich heute ohne Perserteppiche ein, und das Gebäude am Tagblatt-Turm, das die Teppich-Galerie beherbergte, ist abgerissen. Dieser Teppich also lag im Wald. Nicht so, als hätte ihn jemand entsorgen wollen, sondern tatsächlich so, als hätte es damit eine Bewandtnis. Sorgfältig war der Teppich ausgebreitet worden, und er schloss haargenau mit dem Wegrand ab. Es blieb mir also gar nichts übrig, als beim Joggen über den Teppich zu laufen, so wie auch die Wanderer und Radfahrer dem Teppich nicht ausweichen konnten. Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen dabei, auch wenn der Teppich natürlich schon ziemlich dreckig war. Wieso lag er da? Hatte ihn jemand einfach nur entsorgen wollen und war zu faul gewesen, den Sperrmüll anzumelden? Oder benutzten ihn Muslime zum Beten im Wald? Oder handelte es sich gar um einen fliegenden Teppich aus tausendundeiner Nacht, der im Stuttgarter Wald abgestürzt war? Heute Morgen nun wollte ich den kuriosen Teppich fotografieren, doch ich kam zu spät. Der Teppich war weg. Man konnte noch genau sehen, wo er gelegen hatte, der Waldweg war dort etwas heller. Ich entdeckte ihn schließlich ein paar Meter weiter. Jemand hatte ihn in den Graben geworfen. Wie schade! Aus einem Teppich, der den Waldweg bedeckte und das Hirn zu den wahnwitzigsten Theorien inspirierte, war ein Stück Müll geworden.

Im Wald entdeckt man nicht nur Teppiche (für alle Nichtschwaben: es besteht eine hohe Verwechslungsgefahr zwischen dem Wort Teppich = Teppich und schwäbisch Deppich = Wolldecke), sondern auch die drei Musketiere, zumindest für die nächsten paar Wochen. Zu finden sind sie im Wasenwald bei Reutlingen-Gönningen, im wunderschön gelegenen Naturtheater Reutlingen. Dort inszeniert Susanne Heydenreich vom Stuttgarter Theater der Altstadt den Klassiker von Alexandre Dumas. Während die Zuschauer bequem und regenfest unterm Dach der Zuschauerhalle sitzen, wird auf der großartigen Bühne im Wald gefochten, intrigiert, geliebt, gehasst und verfolgt. Susanne Heydenreich hat den dicken Schmöker eingedampft, indem sie einen extrem attraktiven Athos (Stefan Diener), also einen der drei Musketiere, Teile der Handlung erzählen lässt.

Trotzdem dauert das Stück fast dreieinhalb Stunden (mit Pause), die aber so unterhaltsam sind, dass es zu keiner Sekunde langweilig wird (nur das Sitzfleisch leidet etwas, und Mückenspray ist auch kein Fehler). Und so folgt man atemlos und sehr vergnügt, wie sich der unerschrockene Gascogner D’Artagnan vom Grünschnabel-Landei zum Pariser Musketier entwickelt, der das mit den Intrigen ziemlich schnell drauf hat und auch in Liebesdingen nicht eben zimperlich verfährt. Beinahe stolpert er jedoch über die überaus schöne, dabei abgrundtief intrigante Lady de Winter (extrem überzeugend: Julia Coolens). Das alles wird mit einem Augenzwinkern präsentiert. Ein tolles Bühnenbild, prachtvolle Kostüme, fabelhaft choreographierte Fechtszenen (Stefan Müller-Doriat) und ein Hoch auf die Freundschaft („Einer für alle, alle für einen“) – der Ausflug nach Reutlingen (Auto erforderlich) lohnt sich! Gespielt wird im Wasenwald noch bis Ende August überwiegend am Wochenende, als zweites Stück steht „Die Schöne und das Biest“ auf dem Programm. (Weitere Infos und Karten: http://www.naturtheater-reutlingen.de).

P.S. Nächste Woche Dienstag Lesung „Kleine Verbrechen erhalten die Freundschaft“ in Stuttgart-Vaihingen, Freitag „Ladies Night“ mit Cocktails in Weissach! Alle Termine unter http://www.e-kabatek.de/termine/default.htm
P.P.S. Die Buchhandlung Wittwer hat ein tolles Video zu meiner Lesung im „Haus der Architekten“ gemacht! Hier anschauen:

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