Ein Teller Heimat: Flüchtlinge kochen im italienischen Restaurant

Am Montagabend hat das Ristorante „Little Italy“ im Lehenviertel in Stuttgart eigentlich geschlossen. Aber alle paar Wochen öffnet Inhaberin Claudia Reiss ihre Türen für eine ganz besondere Veranstaltung: Ein Teller Heimat.

Die Idee ist so simpel wie genial: Viele Flüchtlinge suchen Kontakt zu Deutschen und möchten gern in einer ungezwungenen Atmosphäre Deutsch sprechen. Gleichzeitig wollen sie nicht immer die Nehmenden sein. Im Little Italy sind sie es, die etwas geben, indem sie für die Gäste ein typisches Gericht aus ihrer Heimat kochen. Flüchtlinge und Stuttgarter stehen in der Küche des Little Italy gemeinsam am Herd, und zum Essen eingeladen sind Ehrenamtliche der Flüchtlingsarbeit, Neugierige, die Kontakt zu Flüchtlingen suchen, und natürlich die Flüchtlinge selbst. Als ich am 3. Juli kurz vor 19 Uhr im Little Italy ankomme, geht es dort schon hoch her. Auf der lauschigen Terrasse (die man jedem, der das Little Italy nicht kennt, auch für einen Restaurantbesuch an einem heißen Sommerabend nur empfehlen kann!) ist fast jeder Platz besetzt und es wird in mehreren Sprachen fröhlich durcheinandergeredet.

Hinter dem Herd stehen Lutfe aus Syrien, seine Schwägerin Rana, und Reinhard Otter, der sich normalerweise um den Blog des Freundeskreis‘ Süd des Füchtlingsheims in der Böblingerstraße kümmert. Omar, Ranas zehnjähriger Sohn, flitzt hin und her und hilft seiner Mutter.

Als Hauptgericht gibt es ein arabisches Gericht mit Hühnchen, Gemüse und Pilzen. Köche zu finden, die für andere kochen wollen, gibt es genug. „Es gibt sogar eine Warteliste für Leute, die gerne hier kochen wollen!“, erzählt Reinhard. Vielleicht gibt es zum Winter hin zur Abwechslung auch einmal Reinhards legendäre Kässpätzle…

Die Idee für das Projekt stammt von Julius Niehaus und Georg Ulrich. Julius hatte als Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes die Möglichkeit, dort ein Projekt zu beantragen. Das Projekt bekam den Zuschlag und so war die Finanzierung der ersten paar Abende gesichert. In Claudia Reiss fand er eine engagierte Mitstreiterin, die selber schon einmal über eine solche Idee nachgedacht hatte. Gleich am ersten Abend kamen nahezu ohne Werbung siebzig Leute, und das Little Italy, das eigentlich für 35 Gäste ausgelegt ist, platzte aus allen Nähten. Die Anschubfinanzierung der Studienstiftung lief Ende 2016 aus, jetzt steht auf dem Tisch eine Spendenbox. Das scheint ganz gut zu funktionieren, und die Spenden reichen aus, um die Lebensmittel für den nächsten Abend zu finanzieren.

Das Essen ist fertig! Rana arrangiert die Weinblätter (mit und ohne Fleisch), den gemischten Salat, den Brotsalat, Fladenbrot und das Hauptgericht mit Hühnchen. Nicht zu vergessen die Vorspeise, eine Nudelsuppe, die sehr an schwäbische Nudelsuppen erinnert! Die Gäste werden ans Buffet gebeten und Lutfe erklärt, was es alles gibt. Alle gucken schon sehr erwartungsvoll…

Ich finde noch einen Platz an einem Tisch draußen. Dort sitzen Gäste aus dem Iran, dem Irak, Syrien und Stuttgart. Bei dem leckeren Essen ist die Atmosphäre entspannt und ungezwungen. Trotzdem kommen wir schnell auf die Fragen, die die Flüchtlinge und uns beschäftigen: Auf die Situation in Syrien und im Iran, auf die Familien, die noch unter teilweise entsetzlichen Bedingungen in der Heimat sind, und darüber, wie sich jeder von uns unsicher fühlt, wenn er in einem Land ist, dessen Sprache er nicht beherrscht, und dass dann die Gefahr groß ist, unter sich zu bleiben. „Ich habe mal ein Auslandssemester in Südkorea gemacht“, erzählt Janina. „Da habe ich mich auch fast nur mit anderen Ausländern getroffen.“ Im „Little Italy“ gibt es dieses Problem nicht. Hier essen, trinken und reden Flüchtlinge und Stuttgarter miteinander und auf Augenhöhe. Britta organisiert den One World Chor, einen Chor, der aus Flüchtlingen im Stuttgarter Süden und Stuttgartern besteht. Sie hat einige der Flüchtlinge aus dem Chor zum Abend ins „Little Italy“ eingeladen. „Es könnten mehr Flüchtlinge hier sein“, sinniert sie. „Heute Abend ist ihr Anteil nicht so hoch.“ Zusammen mit Julius und Georg denkt sie darüber nach, wie man bei den Flüchtlingen noch mehr Werbung für den Abend machen kann.

Langsam senkt sich die Nacht und endlich ein wenig Kühle auf die Terrasse des Little Italy, und niemand hat es eilig, bei guten Gesprächen und einem Glas Wein nach Hause zu kommen.

Der nächste Termin für das Essen mit Flüchtlingen im Little Italy steht wegen der Sommerferien noch nicht fest. Ich teile ihn über den Blog mit. Eine Anmeldung ist erforderlich über Julius Niehaus, Kontakt: julius.niehaus@t-online.de
Little Italy: Pelargusstraße 9 (Ecke Liststrasse), 70180 Stuttgart, Tel. 607 90 32

Der One World Chor ist ein internationaler Stadtteilchor, der sich jeden 1. und 3. Sonntagnachmittag zum Proben im Generationenhaus Heslach trifft und immer wieder zu öffentlichen Auftritten eingeladen wird. Gesungen wird ein buntes internationales Repertoire. Kontakt: Britta Wente, Mail OneWorldChor@freundeskreis-süd.de.

P.S. Veranstaltungsstau in Stuttgart! Am Wochenende findet das Afrika-Festival und „Ballett im Park“ statt. Am Samstagabend wird bei der Vorstellung von Don Quijote Deutschlands älteste Arbeitnehmerin, die 89jährige Georgette Tsinguirides, Choreologin beim Ballett, in den Ruhestand verabschiedet! Am Sonntag gibt es eine Matinee der John-Cranko-Schule. Nächste Woche steigt von Dienstag bis Sonntag das Sommerfestival der Kulturen, das immer noch händeringend Helfer/innen für die Getränkestände sucht! Kontakt: getraenkestaende@forum-der-kulturen.de

P.S. Nach der fulminanten Lesung mit Susanne Schempp bei der „Ladies Night“ in Weissach in der Stadtbücherei gibt es nun eine Sommerpause! Im Herbst gibt es noch einmal einen ganzen Schwung Lesungen (demnächst auf der Homepage) zu „Kleine Verbrechen erhalten die Freundschaft“ und dann gegen Weihnachten unser Special, „Weihnachten ist wunderbar!“

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