Literatur-Nobelpreis für Kazuo Ishiguro und Ballettpremiere „Cranko pur!“

Der japanischstämmige Brite Kazuo Ishiguro hat den Nobelpreis für Literatur bekommen. Eine unerwartete, aber zweifelsohne löbliche Wahl! Wollen Sie etwas von ihm lesen?

Dann empfehle ich den Roman „The Remains of the day“, deutsch: „Was vom Tage übrig blieb.“ Es gibt auch eine ganz fabelhafte Verfilmung mit Anthony Hopkins und Emma Thompson. Der Roman ist deutlich zugänglicher als Ishiguros kryptisches letztes Werk „Der begrabene Riese“ (The buried giant). Von diesem Roman habe ich sogar ein handsigniertes Exemplar (also von Ishiguro, nicht von mir) verschenkt!!

„Was vom Tage übrig blieb“ erzählt die Geschichte des Butlers Stevens, der vor Ausbruch des 2. Weltkriegs einem großen Herrenhaus, Darlington Hall, in England vorsteht. Er verliebt sich in die Hausdame Miss Kenton. Die erwidert seine Gefühle durchaus, aber alle Versuche, sich Stevens anzunähern, werden von diesem abgeschmettert – er ist nicht in der Lage, seinen Gefühlen Taten folgen zu lassen. Die persönliche Katastrophe ereignet sich auf dem Hintergrund des erstarkenden Nationalsozialismus. Lord Darlington sympathisiert mit den Nazis und in seinem Haus finden konspirative Treffen statt. Stevens wird als stets loyaler Diener dargestellt, für den Gehorsam und Pflichterfüllung oberste Maxime sind, und der das Handeln seines Hausherrn niemals kritisieren oder in Frage stellen würde. Es ist die Verknüpfung von Politik und Privatem, die diesen Roman so überzeugend macht. Geradezu herzzerreißend, wie Stevens alle Gelegenheiten verstreichen lässt, Miss Kenton näherzukommen. Erst am Ende seines Lebens erkennt und bereut er, was er versäumt hat und was möglich gewesen wäre. Also, Buch lesen oder Film gucken!

Noch ein kurzes Wort zur fabelhaften Premiere des Stuttgarter Balletts am vergangenen Dienstag. Das Ballett zeigt sich nach der langen Sommerpause in Hochform, vor allem Wirbelwind Elisa Badenes. Gezeigt werden drei Choreographien von John Cranko, der im August 90 Jahre alt geworden wäre: L’estro armonico und Brouillards sind abstrakte Stücke, „Jeu de Cartes“ ein sehr humorvolles Handlungsballett, in dem die Spielkarten lebendig werden und sich beim Pokerspiel mit dem Joker streiten. Drei sehr unterschiedliche, kurzweilige Stücke, die die ganze Bandbreite Crankos und die des Stuttgarter Balletts aufzeigen, ein echtes Eigengewächs. Nach dem ersten Stück „L’estro armonico“ zu Musik von Vivaldi sagte eine Frau auf dem Klo zu mir (es gibt keine bessere Form der Kommunikation im Ballett als die Schlangen auf dem Frauenklo): „Nun habe ich schon so viel Cranko gesehen, aber erst jetzt verstehe ich, warum Cranko ein Genie war.“ In der Tat. Ein sehr empfehlenswerter Abend, bei dem auch die Talente der Zukunft aufschimmern dürfen, zum Beispiel die Australierin Jessica Fyfe als Karo-Dame und der Joker Adhonay Soares da Silva, der beim Schlussapplaus von Egon Madsen aufs Herzlichste umarmt wird. Das ist sehr rührend, schließlich hat Cranko die Rolle Madsen auf den Leib geschrieben und er (also Madsen, nicht Cranko) war bei den Proben dabei.

Der Blog wünscht ein schönes Wochenende!

P.S. am Donnerstag, 19. Oktober gibt es eine Lesung beim Möbelladen SMOW in Stuttgart in der Sophienstraße! Die ist Teil der Aktio WeinLese – vier Bücher, vier Winzer, vier Geschäfte. Lesung kombiniert mit Weinprobe! Mehr unter http://www.gerberviertel-stuttgart.de. Offiziell ist die Lesung ausverkauft, inoffiziell wird keiner abgewiesen, der am Abend kommen will.

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