Der lange graue Stuttgarter Regenwinter und seine Lichtblicke

Ein Winter, der keiner ist, hat die Landeshauptstadt seit Wochen im Griff. Nach Monaten der Trockenheit gibt es jetzt vor allem eins: Regen. Der Januar hat schon jetzt sein Soll mit 131 Prozent der durchschnittlichen Niederschlagsmenge übererfüllt! Schneehöhe: Null Zentimeter. Sonne: Fehlanzeige. Das sind wir hier nicht gewohnt. Wir protestieren!

Interessiert bloß keinen. Protestiert wurde auch letzten Montag. Zum sage und schreibe vierhundertsten (!!) Mal auf der Montagsdemo gegen Stuttgart 21, und es war wie in alten Zeiten: Super Stimmung, tolle Rednerinnen und Redner (Christine Prayon, Timo Brunke, Volker Lösch) und zum krönenden Abschluss fröhliches Tanzen und Trommeln im Hauptbahnhof, zum sichtbaren Schock der Passanten. Die längste Demobewegung in der Geschichte Deutschlands! Wir sind die Menschen, die vor all dem, was jetzt eingetreten ist, schon vor Jahren gewarnt haben. Da sind wir stolz drauf, auch wenn es ehrlich gesagt nicht allzu schwer war, dies so vorauszusagen. Auch wenn es noch immer etwas leicht Bizarres hat, wenn Menschen vor allem im Rentenalter vergnügt herumhüpfen, auf ihren Trillerpfeifen so viel Krach machen wie möglich, und das leicht anarchistische Element der Montagsdemos sichtlich genießen. Grund zum Protestieren gibt es leider immer noch genug: Kostensteigerungen, Bauverzögerungen, zuletzt der Skandal um die ICE-Anbindung an den Flughafen. Stuttgart 21 ist so tragisch wie der Brexit: Vollkommen unnötig, mehrfach beinahe gekippt, sehr, sehr teuer und eine Belastung für die kommenden Generationen.

Der Regen hat ein Gutes: In diesem Winter gibt es viel weniger Feinstaubalarm als letztes Jahr. Und man kann ja nach drinnen gehen. Zum Beispiel in die Oper, und sich den Ballettabend „Begegnungen“ ansehen, der im Februar noch einige Abende auf dem Programm steht, Restkarten gibt es auch noch. Alle großen Stars des Stuttgarter Balletts waren am Mittwoch Abend auf der Bühne des Opernhauses vereint: Alicia Amatriain, Friedemann Vogel, Elisa Badenes, Jason Reilly und David Moore, ebenso der vielversprechende Nachwuchs (Adhonay Soares da Silva). Getanzt wird „Dances at a Gathering“ von Jerome Robbins und „Initialen R.B.M.E.“, Crankos Hommage an Richard Cragun, Birgit Keil, Marcia Haydée und Egon Madsen. Einmal mehr stellt das Stuttgarter Ballett unter Beweis, was Perfektion, Leichtigkeit, Tanzfreude und Hingabe bedeutet. Alicia und Friedemann: Stundenlang könnte man den beiden beim Pas de deux zuschauen. Es ist nicht nur, dass Alicia so fliegend tanzt, als gäbe es keine Schwerkraft, und sich so bewegt, als hätte sie keine Knochen wie Normalsterbliche. Es ist die Art und Weise, wie die beiden, die sich seit ihrer gemeinsamen Ausbildung bei der John-Cranko-Schule kennen und eng befreundet sind, miteinander tanzen. Das ist so innig, dass man heulen könnte. Vielleicht ist es doch gar nicht so übel, in Stuttgart zu sein.

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