Oscar-Check und Peymann-Check

Peymann is back. Das einstige Enfant terrible, das vor vierzig Jahren Schlagzeilen damit machte, dass es am Schwarzen Brett des Schauspielhauses einen Zettel aushängen ließ, dass Spenden für die Zahnbehandlungen der in Stammheim einsitzenden RAF-Terroristen gesammelt wurden, inszeniert Shakespeares König Lear an seiner früheren Wirkungsstätte, dem Schauspiel Stuttgart.

Was ist das für ein gewaltiges Stück! Eine Fabel, in der ein alter König sein Reich unter seinen drei Töchtern aufteilt. Zwei beteuern ihre Liebe, eine findet keine Worte und wird deshalb enterbt und verstoßen. Die anderen beiden sind verlogene, machthungrige Biester, die dem Vater am Ende alles nehmen. Ein Familiendrama, ein Generationenkonflikt, die Frage, wie und ob man Liebe in Worte fassen kann, die zeitlose Frage, was man den alten Eltern schuldet und was sie von einem erwarten können – was steckt nicht alles in diesem Shakespeare? Aber Peymann verspielt. Man wird nicht mitgerissen, man glaubt dem Lear seine Pein nicht. Da fehlt einfach Schmackes. Stimmen in der Pause: „Das ist ein alter Mann, kein Schauspieler, der einen alten Mann spielt“, kommentiert ein Theaterbesucher. In der Tat. Martin Schwab erweist sich als grandiose Fehlbesetzung, der unter anderem von seinem Narren (Lea Ruckpaul) an die Wand gespielt wird. Die Töchter wiederum agieren so hysterisch-überdreht, dass sie auch gut „Desperate Housewives“ spielen könnten. „Ich bin enttäuscht von Peymann“, kommentiert der Mann in der Reihe hinter mir nach der Pause, als sich die Reihen schon merklich gelichtet haben. Da bin ich stolz auf meine Stuttgarter, die lassen sich nicht so einfach einwickeln, auch wenn alle Vorstellungen ausverkauft sind. Vier Stunden Lear, das ist nicht jedermanns Sache, zumal sich der erste Teil zweieinviertel Stunden lang zieht wie Kaugummi. Im zweiten Teil wirft Peymann die Wind- und Regenmaschine an, so heftig, dass es den Regen bis in den Zuschauerraum treibt. Aber auch das kann über die Schwächen und Längen dieser Inszenierung hinwegtäuschen. Ein fulminantes Comeback sieht anders aus. Einige jedoch sind begeistert. „Endlich wird mal ein Text so gespielt, dass man ihn wiedererkennt!“, ruft eine Dame im Klo entzückt und outet sich als Peymann-Fan, der seit sechzig Jahren ins Stuttgarter Schauspiel geht. Ein wenig absurd ist es schon, dass die frühere Skandalnudel Peymann jetzt die Armin-Petras-Geschädigten tröstet, aber das scheint der Damen nicht aufzufallen. Ja, man erkennt den Text trotz der modernen Übersetzung wieder, aber ein Lob ist das nicht. Der Applaus: mager. Der tatsächliche „Skandal“ findet außerhalb des Theaters statt. Pey- und Kretschmann haben sich in die Haare gekriegt, weil Peymann wenig lobende Worte für Stuttgart im Zeitalter der S-21-Baustellen findet. Kretsche kontert daraufhin, Peymann möge sich doch bei den Baden-Württembergern beschweren, schließlich hätten die sich doch in einer Volksbefragung mehrheitlich für S 21 ausgesprochen. Tja, das schon, nur leider basierte diese Abstimmung auf völlig falschen Angaben, was die Baukosten betrifft…

Noch ein kurzer Rückblick auf die Oscar-Verleihung. Höchst verdient hat Frances McDormand den Oscar für die beste weibliche Hauptdarstellerin in dem Film mit dem sehr langen Titel „Three billboards outside Ebbing, Missouri“ bekommen. Sie spielt darin Mildred Hayes, eine Frau, deren Tochter vergewaltigt und ermordet wurde. Mildred prangert das Versagen der Polizei bei der Aufklärung des Falls auf drei großen Werbetafeln an, und das setzt eine Kettenreaktion in Gang, denn Mildred ist in der konservativen Kleinstadt mit ihrer Kritik ziemlich allein auf weiter Flur. Ihre Kompromisslosigkeit ist schockierend, aber nicht nur sie, auch die anderen Charaktere kennen hier keine Konventionen und Grenzen. In diesem Film steckt mehr Shakespeare als in Peymanns König Lear. Mehr Frances McDormand gibt es auch in „Burn after reading“, dieser absolut sehenswerten Komödie der Coen-Brüder, in der sie an der Seite von Brad Pitt und George Clooney eine nicht allzu intelligente Frau mit einem Kochtopf-Haarschnitt spielt, die nur ein einziges Ziel im Leben hat, nämlich das Geld für ihre Schönheits-OPs zusammenzubringen. Dafür geht sie buchstäblich über Leichen…

Leichen gibt es in „Kleine Verbrechen erhalten die Freundschaft“ keine. Aber mit einem lachenden und einem weinenden Auge haben Susanne Schempp und ich gestern mit einer fulminanten Lesung in Mühlacker die Lesetour zu diesem Roman abgeschlossen, der übrigens soeben als preisgünstiges Taschenbuch erschienen ist. Danke an alle Veranstalter und Lesungsbesucher/innen! Aber es geht ja bald weiter, wenn Ende September „Schätzle allein zu Haus“ erscheint.

P.S. Am 25.3. ist Elisabeth Kabatek zu Gast bei Susanne Heydenreich im Stuttgarter Theater der Altstadt und plaudert beim „Lesezeichen“ über Bücher und sicher auch über das Theaterstück „Allein unter Schwaben“, das im Juli Premiere hat. Achtung, Beginn elf Uhr, Umstellung auf Sommerzeit!

P.P.S. Für alle Stuttgarter: Am 16. März gibt der Frauenchor „VocaLadies“ unter der Leitung von Susanne Schempp ein Benefizkonzert in der Berger Schule im Stuttgarter Osten!
VocaLadies Konzerte 2018_1

P.P.P.S In der ZDF-Mediathek zu sehen: „Südstadt“, ein wirklich hervorragend besetztes Beziehungsdrama um drei Paare in einem Haus in der Kölner Südstadt. Anke Engelke und Bettina Lamprecht spielen u.a. in diesem Film mit, in dem die Dialoge ausnahmsweise echt wirken und nicht aus einem Drehbuch. Die ganze Tragik moderner Beziehungen entfaltet sich da – sehr ehrlich und sehr überzeugend.
https://www.zdf.de/filme/der-fernsehfilm-der-woche/suedstadt-100.html

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