Expedition nach Niederbayern. Eine Geschichte

Meine allerletzte Lesung aus dem Roman „Kleine Verbrechen erhalten die Freundschaft“ findet in der Bibliothek in Schierling statt. Das ist irgendwo in Bayern. Ich habe mich gefreut. Endlich mal eine Anfrage außerhalb Baden-Württembergs! Ja, ich habe mich gefreut und zugesagt, und nicht genau geschaut, wo Schierling eigentlich liegt…

Freitag Mittag, Abfahrt 12.06 am Hauptbahnhof Stuttgart. Der Zug nach Nürnberg fährt pünktlich ab und kommt mit sieben Minuten Verspätung an, macht aber nichts, weil der nachfolgende Zug nach Ingolstadt auch verspätet ist. Leider ist der Zug von Ingolstadt nach Saal an der Donau pünktlich. Der nächste geht in zwei Stunden. Statt um kurz vor fünf werde ich nun um 18.45 Uhr in Langquaid eintrudeln. Dort übernachte ich im Gasthof „Raubritter“, weil es in Schierling kein Hotel gibt. Ich rufe die Bibliothek an und bitte, mich um 19.15 Uhr statt um 18.45 abzuholen. Dann verbringe ich die nächsten zwei Stunden in einem sehr, sehr langweiligen Café mit sehr, sehr schlechtem Kuchen. Um 17.40 bin ich in Saal an der Donau. 18.19 soll der Bus nach Langquaid gehen. Irgendwann hält ein Van neben mir. Eine Scheibe geht herunter. Ein Mann mustert mich schweigend. Dann sagt er, „Wo wollen’s denn hin?“
„Nach Langquaid.“
„Warum steigen’s dann net ein?“ Die Fahrt nach Langquaid verläuft ebenfalls stumm. Bezahlen muss ich seltsamerweise auch nichts. Wir sind auch zu früh abgefahren, weil der Fahrer meint, es kommt sowieso niemand mehr. Es sind 13 Kilometer nach Langquaid. Die Fahrt kommt mir sehr lange vor.

Der „Raubritter“ liegt im Dunkeln. Ich versuche die Tür aufzudrücken, keine Chance. An der Tür hängt eine Handynummer. O nee, ich will jetzt aber nicht erst den Wirt herbeitelefonieren müssen! Licht geht an, kurz darauf öffnet der Wirt die Tür. Er hätte sich schon gewundert, wer da so an die Tür bollert.
„Ich hatte die Stadtbücherei gebeten, Ihnen Bescheid zu geben, dass mein Zug Verspätung hat.“
„Jo, I woaß. I zeig Ihne jetzt wie des mit dem Frühstück geht, weil i muss morgen um siebn ausam Haus.“
„Wieviel Gäste haben Sie denn?“
„Sie sind der Einzige.“
Er zeigt mir den Frühstücksraum und öffnet die Kühlschranktür. Der Kühlschrank ist voll mit buntgefärbten Eiern, Philadelphia-Käse und großen Gläsern mit Marmelade. „Olle selbr gmocht“, erklärt der Wirt stolz. Auf einem Teller ist Salami, Schinken und Käse, mit Frischhaltefolie drüber.
„Ich esse keine Wurst“, sage ich. „Vielleicht können Sie die Wurst runter- und stattdessen noch ein bisschen Käse draufmachen.“
„Is gut“, sagt der Wirt. Dann zeigt er mir den komplizierten Weg hinauf zum Zimmer. „Wollan’s noch was essen?“
„Ich hab doch keine Zeit mehr, ich werde in einer halben Stunde abgeholt.“
„I hätt aber noch a Stück kaltes Hendl.“
„Danke, aber ich esse doch kein Fleisch.“
„Des is doch koa Floasch, des is Geflügel!“
„Geflügel ist auch Fleisch.“
„A so?“
Das Zimmer ist eigentlich ganz nett. Es gibt sogar eine Flasche Wasser. Das Bett sieht ziemlich schmal aus.
„Die Heizung gibt gut warm“, sagt der Wirt stolz.

Ganz schnell umziehen, schminken, Sachen für die Lesung zusammensammeln. Vor der Tür steht schon ein Auto.
„Ich bin die Ehrenamtliche, die sie abholt.“ Eine sehr Nette Ehrenamtliche. Sie fährt mich ins 8 km entfernte Schierling.
„Wir kriegen jetzt endlich ein Hotel in Schierling. Na ja, dauert noch, aber ein Investor ist gefunden.“

Die Marktbücherei liegt in einem modernen Gebäude, ganz oben. Frau Blüml ist die Chefin. Sie stellt mir das Cocktail-Akkordeon-Orchester vor, das die Lesung untermalt. Die Leiterin zeigt mir einen Zettel und fragt mich, wann und in welcher Reihenfolge sie spielen sollen. „Fangen Sie doch mit Summer of ’69 an“, schlage ich vor. Auf dem Zettel steht auch „Total eclipse of the heard.“ Das Orchester besteht aus fünf jungen Leuten. Es spielt schräg und aus dem Takt, aber das stört niemand, alle klatschen. Frau Blüml stellt mich vor. „Frau Kabatek liest aus einem Road Trip. Sie hat selber einen hinter sich. Sieben Stunden von Stuttgart!“
„Was fällt Ihnen zu Stuttgart ein?“, frage ich. „Bahnhof!“, schallt es mir vielstimmig entgegen. Super. Ich versuche, eine Lanze für Stuttgart zu brechen, schwärme von Besenwirtschaften, Ballett und Stäffele. Das Publikum ist nett. Es lacht viel, in der Pause unterhalte ich mich angeregt mit den Gästen, die sich immer noch wundern, dass man von Stuttgart nach Schierling sieben Stunden braucht. Offensichtlich funktioniert „Kleine Verbrechen erhalten die Freundschaft“ auch in Bayern. Frau Blüml jedenfalls ist begeistert und will mich wieder einladen, wenn das Hotel fertig ist. In der Pause hat sie mit ihrer Belegschaft ein großartiges Buffet aufgefahren, alles selber gemacht, aber es sieht aus wie vom Caterer. Nach der Pause spielt ein Solist „Total eclipse of the heart.“ Er verspielt sich ständig und fängt wieder von vorn an. Wohlwollender Applaus, trotzdem.

Die nette Ehrenamtliche fährt mich zurück und erzählt mir, dass die Lesung mit Büffet und Akkordeonorchester nur sieben Euro gekostet hat, weil man hier auf dem Land nicht mehr verlangen kann. Sie erzählt mir auch, dass Maultaschen hier eine Süßspeise sind. Als ich in Langquaid vor meinem Gasthof aussteige, nieselt es. Es ist kurz vor elf. Keine Lust auf den einsamen Gasthof! Ich laufe ein paar Schritte weiter zum „Huberbräu.“ Ein paar Tische sind besetzt, ich bin die einzige Frau, abgesehen von der Bedienung. Grobe Holztische, aber es ist irgendwie gemütlich. An der Decke hängt ein blauer Schal „TSV Langquaid“, daneben ein roter, „Mia san Mia.“ Auf einem Schild steht „Haxn und Ripperl, 9. März ab 17 Uhr“. Ich frage, ob es Wein gibt. „Hauswein, weiß oda rrrot,“ sagt die Bedienung, die definitiv nicht von hier ist. Dann muss sie ein Weinglas suchen gehen, weil niemand hier Wein trinkt. Ich spüre die neugierigen Blicke auf mir, jemand nickt mir zu, ansonsten lässt man mich in Ruhe. Die Tür geht auf. „Jessasmariaundjosef!“, sagt der, der hereinkommt, lässt sich am Nachbartisch nieder und bestellt das, was alle hier trinken, ein Weißbier. Ein Zweiter kommt herein, begrüßt die Mannen am Nebentisch. „Ja, der FC-Bayern-Stammtisch!“ ruft er.

Es ist ein wenig seltsam, die Tür zu einem stockdunklen Gasthof aufzuschließen. Einen Lichtschalter suche ich vergeblich, zwei Notbeleuchtungen gehen automatisch an. Huch, da steht doch jemand hinter der Tür! Es ist nur die Ritterrüstung des Gasthofs Raubritter. Ich brauche eine Weile, bis ich mein Zimmer finde. Wenigstens ist die Dusche schön heiß. Ich schließe die Tür zweimal ab.

Am nächsten Morgen gehe ich hinunter in den Frühstücksraum. Unter einem roten Stofftuch liegen die versprochenen zwei Vollkornsemmeln. Ich hole mir ein Glas mit Ananas-Mango-Marmelade aus dem Kühlschrank und den Teller mit dem Aufschnitt. Ich hatte dem Wirt ja eigentlich gesagt, dass ich keine Wurst esse. Er hat die Salami und den Schinken auf dem Teller mit dem Käse gelassen, sodass beides mit dem Käse überlappt, was keiner schätzt, der keine Wurst mehr isst, und noch Gelbwurst dazugepackt. Wahrscheinlich glaubt er, dass Gelbwurst vegetarisch ist. Die Kaffeemaschine ist nicht an. Es dauert eine Weile, bis ich den Anschaltknopf finde. Dann muss die Maschine erst spülen und aufheizen. Als ich endlich Teewasser machen kann, ist das Wasser nur lauwarm. Mein schöner Plan, in meiner Thermoskanne Tee mitzunehmen, ist damit geplatzt. Ich trinke halbkalten Earl Grey, obwohl ich den eigentlich nicht mag, schon gar nicht halbkalt, aber die anderen Teesorten sind so komisch aromatisierte Früchtetees. Es fühlt sich ein wenig seltsam an, so ganz allein im Frühstückszimmers eines verlassenen Gasthofs. Immerhin ist der Ritter nicht als Gespenst umgegangen. Warm und gemütlich ist es jedenfalls nicht. Ich mache mir die zweite Semmel mit dem Schnittkäse als Vesper, gehe ins Zimmer, packe zusammen, lege den Schlüssel am Ausgang auf den Tisch und lasse die Tür des „Raubritters“ hinter mir zufallen. Ich habe noch zehn Minuten, Zeit genug, um herauszufinden, wo der Bus nach Abensberg fährt. Die Bushaltestelle ist nicht zu übersehen, ein großes Schild, mehrere Fahrpläne, der Bus steht drauf, 9.02 Uhr. Es ist der einzige Bus zum Bahnhof nach Abensberg am Samstag. Der langgestreckte Marktplatz von Langquaid ist im Tageslicht eigentlich ganz hübsch. Schmucke Häuser, in kräftigen Farben angemalte Fassaden, eine Zwiebelkirche. Im Marktcafé mit Bäckerei herrscht reges Kommen und Gehen. Wahrscheinlich hätte ich besser dort gefrühstückt. Ein Bus kommt, auf der anderen Straßenseite, die Fahrerin schaut stur geradeaus. Sekunden später dämmert mir, dass das vermutlich gerade meiner war. Auf der anderen Seite. Ich fasse es nicht. Auf der anderen Straßenseite ist kein Haltestellenschild. Der einzige Bus nach Abensberg ist weg! Leichte Panik. Ein Fahrradfahrer kommt vorbei, auf dem Kopfsteinpflaster kann er nicht schnell fahren.
„Entschuldigen Sie, kennen Sie sich hier aus?“
„Ja, scho.“
„Wissen Sie zufällig, auf welcher Seite der Bus nach Abensberg fährt?“
„Kei Ahnung. I fahr nie Bus. Gibt’s da überhaupt einen, nach Abensberg? Auf jeden Fall liegt des in der Richtung.“ Er zeigt in die Richtung, in die der Bus entschwunden ist. Ich stöhne laut auf. „Dann war das der Bus, den ich gerade verpasst habe.“
„Wo müssen’s denn hin?“
„Nach Abensberg.“
„Was wollen’s da?“
„Da fährt mein Zug. Gibt’s hier ein Taxi?“
„I fahr Ihne naus. Des sin bloß fuffzehn, zwanzk Minuten.“
„Meinen Sie das ernst?“
„Sicher. I muaß bloß erst zum Metzger. Sonst kriag i nix mehr. Laufan’s doch scho amol in mei Richtung. Da hinunter und dann die erschde rechts. Lilienstraße.“
Er radelt davon. Er meint das ernst. Und er meint es einfach nett. Er sieht nicht aus wie jemand, der unterwegs in den Wald abbiegt. Ich laufe los, in die angegebene Richtung. Am ersten Abzweig bin ich nicht mehr sicher und warte lieber. Ich frage zwei Passanten, wo die Lilienstraße ist, keiner weiß es.
„Zu wem wollen’s denn?“
„Äh, weiß ich nicht.“
Zehn Minuten später kommt der Mann auf dem Fahrrad wieder zurück, im Fahrradkorb liegt eine Metzgertüte. Er radelt langsam neben mir her, ich laufe schnell. Ich schau ihn mir genauer an. Ich schätze ihn auf Mitte vierzig, er trägt einen Sportanzug mit blauer Jacke und schwarzer Hose mit weißen Streifen an der Seite, Bauch und Bart. Er sieht gutmütig aus. Eine Frau kommt uns auf dem Rad entgegen, „Du bischt abr langsam!“, ruft sie meinem Begleiter zu und beäugt mich neugierig.
„Wo muasch denn hinfoan?“, fragt der.
„Nach Stuttgart.“
„Hob ich mir’s doch gedacht. Sie ham an Dialekt! Und wos hom’s Sie hier gmacht?“
„Ich bin Autorin, ich hatte gestern Abend eine Lesung in Schierling. Und dann habe ich im Raubritter übernachtet, weil es in Schierling kein Hotel gibt.“
„Ja wie. Do fährt ma von Schdudgard noch Schierling, nur um a halbe Stund zu lesn, und dann übernachtet mr? Is des net a bissel viel Aufwand?“
Ein paar Abzweigungen, dann stehen wir vor einem Einfamilienhaus, das Garagentor steht offen, darin sind mehrere Motorräder aufgereiht.
„Mir können glei los.“ Er stellt das Rad ab und zeigt auf das Auto. Keine Frau, der er Bescheid geben muss? Ich packe meine Sachen in den Kofferraum, wir fahren los. Auf einem Schild steht „Abensberg, 15 km.“ Die Landschaft ist flach und unaufgeregt.
„Schön hier zum Radfahren, oder?“
„I woaß net. I fahr bloß Motorrad.“
„Ohne Auto geht’s hier wohl nicht?“
„Na. So ist des halt aufam Land. Aber i könnt net in der Stadt wohnen. Ganz selten geh i amol nach München oder Regenschburg. Oba in München, do sind so Mosleminnen, die sind so dodal verschleiert, do woaßt jo net, was drunter is. Des macht mir Angschd. Net, dass I Vorurteile hätt oder so.“
Er erzählt mir, dass wir gerade das größte Hopfenanbaugebiet Europas durchfahren und wundert sich, dass ich noch nie davon gehört habe. Meine Ausrede, dass ich keine Biertrinkerin bin, lässt er nicht gelten. Wir kommen nach Abensberg. Hier gibt es eine Kirmes, Gillamoos hoaßd des, erzählt er weiter, die so bekannt und wichtig ist, dass sich die Politiker um einen Auftritt reißen. „Die Angie kommt a immer.“
Wir sind am Bahnhof. Ich bedanke mich und frage: „Haben Sie eine Frau?“
Er zögert einen Moment. „Ja, scho.“
„Ich würde mich gern revanchieren. Darf ich Ihnen ein paar Bücher von mir schicken?“
„Ja, scho. Die däd sich freian.“ Ich notiere den Namen, die Adresse weiß ich ja, bedanke mich, er will den Dank gar nicht hören und ist schon weg.

Es ist jetzt kurz nach halb zehn. Der Zug nach Ulm fährt um 10.31 Uhr. Theoretisch gibt es ein Bahnhofscafé, aber nicht samstags. Ich laufe in den Ort. Hier gibt es ja sogar ein Hundertwasserhaus! Der Kuchlbauerturm, wie ich später nachlese, Hundertwassers letztes Gebäude. Und ein Biermuseum. Ich finde eine Bäckerei, fröhliche Frauen im Dirndl bedienen hier. Ich bestelle mir einen Kaffee und kann den Nusshörnchen nicht widerstehen. Ein Mann mit Rastafrisur kommt herein und will etwas auf Englisch wissen. Ein dicke Verkäuferin, die aussieht wie die Chefin, ruft, „Fifdy mieders!“ und zeigt die Straße hinunter. Dann bricht sie in laut schallendes Gelächter aus. Sie hält sich die Seiten vor Lachen über ihr eigenes schreckliches Englisch. Die anderen Verkäuferinnen stimmen in das Gelächter ein, und so stehen sie hinter der Theke, biegen sich vor Lachen und rufen, „Fifdy mieders!“

In Ingolstadt steht ein Zug mit lauter BMWs. Wir haben fünfzehn Minuten Aufenthalt. Dann ändert mein Zug die Richtung. Es ist kein Kopfbahnhof. Einige Minuten später erreichen wir Neuburg. Bin ich da nicht eben durchgefahren? Ein Albtraum! Nein, das war Neustadt. Der Zug fährt brav nach Ulm. Der ICE nach Stuttgart hat Verspätung. 27 Stunden nach Abfahrt: Ende des kleinen Ausflugs zu einer kleinen Lesung…

P.S. Ich wohne an einer Staffel. Das ist meistens schön, manchmal unpraktisch. Alle paar Monate lasse ich mir deshalb Sprudel liefern. Heute morgen, zum Beispiel. Heute Nachmittag eine Nachricht von Getränke Beilharz. „Können Sie uns bitte zurückrufen? Wir müssen was mit Ihnen besprechen.“ Ich rufe zurück.
„Leider können wir Sie nicht mehr beliefern.“
„Warum?“
„Weil Sie an einer Staffel wohnen.“

P.P.S. Der Vorverkauf für „Allein unter Schwaben“ ist schon in vollem Gange. Jetzt Plätze sichern!

http://www.theater-der-altstadt.de/Was-wird-gespielt/Monats-Spielplaene/Juli-2018/

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