Gesehen. „Die schmutzigen Hände“ von Jean-Paul Sartre

Zugegeben. Ein lustiger Abend sieht anders aus. Wer sich Sartres „Schmutzige Hände“ im Theater der Altstadt in Stuttgart ansieht, der muss sich richtig im Kopf anstrengen. Belohnt wird er mit einem zeitlosen Stück über Politik, Macht, Lüge, und darüber, wie schnell die politischen Ideale ein Opfer persönlicher Befindlichkeiten werden.

Sartre und Camus, die beiden herausragenden französischen Existenzialisten, haben es den Theaterbesuchern nie leicht gemacht. Ihre Stücke sind Versuchsanordnungen, ihre Figuren stehen für bestimmte Weltanschauungen, die in klaustrophobischen Räumen aufeinanderprallen und existenzielle Fragen wie Individuum und Gesellschaft, Verantwortung und Schuld diskutieren. In der Regel geht es schief. Will heißen, die Welt- und Menschensicht, die uns hier präsentiert wird, ist düster und pessimistisch. Vielleicht kein Wunder angesichts der Tatsache, dass Sartres „Schmutzige Hände“ aus der Nachkriegszeit stammt, aus dem Jahr 1948. Und da fallen Sätze, die im Zeitalter von „Fake news“, Lügenpolitikern wie Trump und Brexit aus dem politischen Feuilleton einer Tageszeitung stammen könnten. Es geht darum, dass Revolutionen und Politik nur möglich sind, wenn man sich die Hände schmutzig macht, wenn man seine Anhänger belügt, weil es angeblich dem großen Ganzen dient, wenn man Opfer einkalkuliert, wenn man Koalitionen schließt, auch wenn man sie für falsch hält (an welche Koalition erinnert uns das?). Es geht darum, dass es immer nur um Macht geht. Und darum, dass auch die scheinbar Noblen und Guten, die die Revolution gegen das Böse anzetteln, am Ende von dieser Macht korrumpiert werden, auch wenn sie mit den hehrsten Idealen antreten. Ein hübsches Beispiel hierfür ist unsere grüne Landesregierung. Und was ist aus dem arabischen Frühling, aus Ungarn und Polen geworden, um nur einige Beispiele zu nennen?

Natürlich gibt es auch eine Handlung in „Die schmutzigen Hände.“ Aber dafür schaut man sich das Stück am besten selber an. Es geht nämlich nicht nur um die großen politischen Fragen. Sondern auch um die Liebe und die menschlichen Beziehungen, die nun einmal immer in die großen politischen Fragen hineinspielen und sie ziemlich aufmischen. Weil der Mensch nun einmal Mensch ist, und nicht nur ein politisches Manifest, mit allem, was ihn auszeichnet, und dazu gehört eben auch Liebe und Eifersucht und Hass.

Ein unbedingt sehenswertes Stück, das reichlich Stoff für Diskussionen bietet. Vielleicht hätte man Sartres teilweise sehr lange Dialoge etwas straffen können, das hätte dem Abend nicht geschadet. Abgesehen davon ein sehr intensiv, sehr glaubhaft und sehr beklemmend aufspielendes Ensemble im Theater der Altstadt. Im Mittelpunkt: Sarah Kreiß als Jessica, Irfan Kars als Hugo und Lou Bertalan als vornamensloser Höderer, die zu dritt ein äußerst spannendes Katz- und Mausspiel abliefern, in dem Katze und Maus ständig die Rollen wechseln.

Zahlreiche Vorstellungen, Tickets unter http://www.theater-der-altstadt.de
Und nicht vergessen: Die nächste Premiere im Juli im Theater der Altstadt heißt „Allein unter Schwaben!“ Die Vorbereitungen sind im vollen Gange, Regisseur, Bühnenbildner und Kostümbildnerin schon fleißig bei der Arbeit. Jetzt Tickets sichern!

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