Mein Häusle in Cornwall (2)

In Cadgwith wird nicht nur im Pub bis spät in die Nacht gesungen – auch der Taxifahrer singt.

Als bekennende Handy-Hasserin sollte es mir nichts ausmachen, in Cadgwith keinen Handyempfang zu haben. Blöd wird es dann, wenn man kein Auto, dafür einen Platten am Rad hat, und wenn man wegen der Reparatur den Radladen im 11 Meilen entfernten Helston anrufen und ein Taxi bestellen will, um mit dem Rad dorthin zu kommen. Man wandert also ein wenig, und hofft, aus dem Funkloch herauszukommen. Man wandert. Und wandert. Ich bin gestern Abend drei Stunden auf dem Coast Path gewandert, und das Handy war komplett tot, drei Stunden lang. Die Telefonate musste dann jemand anders für mich erledigen. Es war aber nicht schlimm, denn es war ein traumhaft schöner Abend.

Pubs, in denen gesungen wird, kenne ich vor allem aus Irland. Im Cadgwith Cove Inn ist dienstags Folk Night. Um neun Uhr ging’s los, und als ich kurz nach neun eintrudelte, war der Pub schon gestopft voll, die Musik in vollem Gange und die Atmosphäre großartig. Die Musiker spielten keinesfalls das übliche Irish-Folk-Gedudel, sondern sehr stimmungsvolle Folksongs und Balladen, die ich noch nie gehört hatte. Sie sangen abwechselnd einer nach dem anderen (und später kam raus, dass sie gar nicht regelmäßig zusammen spielen, sondern aus ganz unterschiedlichen Ecken von England stammen).

alle Fotos in diesem Blog: Heinke Geiger

Zwischendurch wurde das Publikum aufgefordert, auch was zu singen, aber es traute sich nur einer. Ich fragte die Musiker dann, ob sie mich begleiten könnten, und schlug ein paar Songs vor, aber wir fanden keinen gemeinsamen Nenner. Also habe ich ohne Begleitung „Kein schöner Land“ gesungen, da kann ich immerhin drei Verse auswendig, und es kam sehr gut an. Die Musikerin mit dem Akkordeon stimmte dann „Muss I denn“ an, bloß leider konnte ich da den Text nicht so richtig. Daraufhin kam dann eine blonde Frau auf mich zu und stellte sich als Heinke vor. Innerhalb von einer Minute fanden wir raus, dass Heinke aus Göppingen kommt, „Ein Häusle in Cornwall“ gelesen hat, schon einmal Unterricht bei meiner Gesangsschule Go Vocal in Stuttgart hatte, und auch Susanne Schempp kennt. Wir konnten gar nicht aufhören zu lachen. Weil die Musikanten noch mehr deutsche Lieder anforderten, sangen wir zwei Strophen von „Der Mond ist aufgegangen“ und ganz am Ende des Abends noch „Abendstille überall“ im Kanon. Irgendwann waren alle Gäste weg und nur noch Heinke, ich und zwei, drei Einheimische sangen zusammen mit den Musikern. Weil Heinke und ich die Songs nicht kannten, improvisierten wir zweite und dritte Stimmen dazu, und hatten einen Riesenspaß, und Heinke konnte richtig toll singen! Der Abend ging dann sehr lang, und wir wurden immer alberner.

Ganz am Ende sang noch eine Norwegerin, die auf dem Coast Path wandert, ein norwegisches Wiegenlied, und schließlich umarmten sich alle und knutschten sich ab und versicherten sich ewiger Freundschaft. Irgendwann fragte ich, ob es denn keine closing hour gibt, also eine Sperrstunde, und einer der Gäste sagte grinsend, doch, das war vor einer halben Stunde, aber in Cadgwith nehmen wir es damit nicht so genau. Ein großartiger Abend. Musik verbindet die Menschheit! Heinke, vielen Dank, es hat so viel Spaß gemacht, mit dir zu singen!

Heute morgen holte mich dann Nutty Noah mit dem Taxi ab. Nutty Noah ist sehr bekannt, weil er früher Fischer war und jetzt Taxi fährt und singt. Dass er singt, wusste ich allerdings vorher nicht. Er hat quasi seine Lebensgeschichte gedichtet, und fragte mich, ob ich den Song hören wollte, während wir nach Helston fuhren. Der Song hatte gefühlt 35 Strophen, kein Wunder, Nutty Noah, der im wirklichen Leben Martin Ellis heißt, ist auch nicht mehr der Jüngste, er hat viel zu erzählen. Er fischte 30 Jahre lang in Cadgwith, und dann in Irland, und erlitt einmal Schiffbruch und ertrank beinahe. Das Fischen würde viel zu wenig Geld einbringen, meinte er, und seine Crew sei sehr unzuverlässig gewesen. Es war dann ziemlich schnell klar, dass er nicht gut auf die EU zu sprechen ist, weil er meint, die EU zwingt den Fischern Fangquoten auf, die völlig übertrieben sind. Die Gewässer in Cadgwith seien voll mit Fisch und Krabben und Langusten, nur die Makrele hätte abgenommen, und die Fischer würden ganz viel Fang über Bord werfen, weil sie sonst die Quoten überschreiten, und jedes Kind würde da doch sagen, was für ein Schwachsinn. Nutty Noah war der Meinung, die schlechten Nachrichten über den Fischbestand seien reine Propaganda, um den Fischpreis hoch zu halten, und es sind nicht die Fischer, die daran verdienen, sondern die Händler zwischen Fischern und Kunden. Tatsächlich habe ich dann später am Morgen in Cadgwith ein riesiges, am selben Morgen gefischtes Fischfilet von den Fischern aus Cadgwith erstanden, ohne Zwischenhändler. Nutty Noah meinte, kein Fischereiminister und kein EU-Beamter wäre jemals auf einem cornischen Fischkutter gewesen und hätte sich angeschaut, wie die Realität aussieht. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive. Auf jeden Fall war das die ungewöhnlichste Taxifahrt, die ich je gemacht habe, und Nutty Noah bat mich dann, auch etwas zu singen (das scheint hier irgendwie normal zu sein), und weil ich den Text noch gut im Kopf hatte, sang ich nochmal „Kein schöner Land“ auch wenn es tageszeitlich nicht so wirklich passte. Irgendwie ist Cadgwith genauso skurril wie Hallig Hooge. Oder liegt es daran, dass wir in Stuttgart nicht mehr wissen, was dörfliches Leben ist? Die Leute sind hier alle wahnsinnig höflich, freundlich und hilfsbereit, und es ist genauso entspannt wie Hallig Hooge. Also alle Hooge-Fans, auf nach Cadgwith! Aber nur mit einem deutschen Volkslied im Gepäck.

P.S. Nicht frustriert sein, wenn Sie Nutty Noah nicht verstehen, er hat einen extremen South-West-Akzent. Und er ist zehn Jahre älter als auf dem Video.

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