Gesehen. Vice – Der zweite Mann

In meiner Kritik von Green Book habe ich gesagt, dass das ein sehr guter Film ist, ich ihm aber keinen Oscar gegeben hätte. Green Book hat den Oscar „Bester Film“ bekommen. Nachdem ich nun gestern „Vice“ gesehen habe, hätte ich Christian Bale für seine Rolle als Dick Cheney den Oscar „Bester Hauptdarsteller“ mehr als gegönnt!
Christian Bale ist meiner Meinung nach im Moment einer der besten Darsteller, die Hollywood aufbietet. Gesegnet mit einer unglaublichen Wandlungsfähigkeit – man erkennt ihn kaum wieder von Film zu Film, er nimmt ab, er nimmt zu, er ist jung, er ist alt – spielt er in diesem Film den US-Politiker Dick Cheney, der unter George W. Bush junior in der Zeit des Attentats vom 11. September und während des Irak-Kriegs Bushs Vizepräsident war. Das ist ja praktisch unsere Zeitgeschichte, und die Bilder von den einstürzenden Zwillingstürmen haben sich uns allen ins Gedächtnis gegraben. Doch wenn man diesen Film anschaut, wird die eigene Erinnerung quasi umgeschrieben bzw umgedeutet. Regisseur Adam McKay, der auch den fabelhaften Börsencrash-Film The Big Short gemacht hat, in dem Christian Bale den Hedge-Fonds-Manager Michael Burry spielt, zeigt Cheney als skrupellosen, machthungrigen Vizepräsidenten, der sich scheinbar in der zweiten Reihe hält, tatsächlich aber den schwachen Präsidenten wie eine Marionette manipuliert. Es ist Cheney, der nach dem 11. September die Entscheidungen trifft, Cheney, der den Irakkrieg provoziert. McKay zeigt den Washingtoner Politikbetrieb als eine hochgradig sexistische, ordinäre Welt, in der die Alphatiere rücksichtslos um den besten Platz am Futtertrog ringen. Freundschaften sind da nichts als vorübergehende nutzbringende Allianzen. Das alles wird angereichert mit dokumentarischen Schnipseln und fiktiven Einsprengseln, die wie schon bei The Big Short in einer atemberaubenden Geschwindigkeit dazwischengeschnitten werden. Das alles ist extrem desillusionierend, weil vermutlich ziemlich nah dran an der Realität. Christian Bale spielt Cheney als immer fetter werdenden Strippenzieher, der vom Alkoholiker und Versager zum mächtigsten Mann der USA wird, wie eine Schlange, die sich unbeachtet durchs Unterholz schlängelt und nur darauf wartet, ihr sich in Sicherheit wiegendes Opfer blitzschnell anzugreifen. Keiner, der auf die Pauke haut wie der Rüpel Donald Rumsfeld, sondern einer, der mit leiser Stimme Folter und Krieg verteilt, Gesetze kippt oder seine lesbische Tochter verrät. Ein gruseliger Film, den man – wenn es geht – schon wegen der Stimme von Christian Bale unbedingt im Original anschauen sollte!

P.S. Am 12. März „Schätzle allein zu Haus“ in Wernau, Lesung mit Susanne Schempp!

P.P.S. Am 25. März ist das Nairobi Hope Theatre zu Gast im Theater der Altstadt in Stuttgart! „Peace“ ist politisches Erzähltheater von Stephan Bruckmeier, der auch mein Stück „Allein unter Schwaben“ inszeniert hat. Das wird sicher ein großartiger Abend mit viel Musik und Tanz!

Mehr Infos:PEACE-Stuttgart

P.P.S. Am 30. April singt der fabelhafte Jazzchor VocaLadies bei der Feuerbacher Kulturnacht!
Mehr Infos:Kulturnacht Feuerbach

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