Über die Tatsache, dass Menschen nicht mehr zwischen privatem und öffentlichem Raum unterscheiden oder: Herr, schmeiß Hirn ra!

Ich habe gerade meine Arbeit unterbrochen, um schnell einen Kaffee in einem Szenecafé im Stuttgarter Westen zu trinken (ja, ich weiß, genau so stellt man sich das glamouröse Leben einer Autorin immer vor). Ich saß draußen und genoss meinen Cortado. Am Tisch neben mir saßen eine Frau und ein Mann und sie sprachen sehr, sehr laut.

Sie: „Ihre Exfrau sagt, Sie wollen nicht unterschreiben, dass ihr Sohn die Ohr-OP machen kann.“
Er: „Doch, doch, ich wollte bloß vorher mit dem Arzt reden.“
Sie: „Sie blockieren das also nicht? Weil, Sie wissen schon, das Jugendamt.“
Er: „Nein, nein.“
Sie (noch lauter): „Gut, das ist gut. Wir müssen dann über die Besuchszeiten reden. Aber zuallererst über ihr Drogenproblem. Ihre Exfrau sagt, sie haben ein Drogenproblem.“
Er: (auch noch lauter): „Na ja.“
Sie: (sehr, sehr laut, so dass man es bis Untertürkheim hört): „HABEN SIE EIN DROGENPROBLEM?“
Er: (genauso laut, um die Untertürkheimer nicht zu enttäuschen): „NA JA, NICHT MEHR SO WIE FRÜHER, ABER SCHON, ALSO SO ZWEI, DREIMAL DIE WOCHE…“ (leider sagt er nicht, welche Drogen)
Ich, vom Nachbartisch: „Entschuldigen Sie, aber Sie sprechen sehr laut, und ich finde, das, was Sie da reden, geht mich nichts an.“
Frau: „Das verstehen Sie doch sowieso nicht, um was es hier geht!“
Ich: „Sie reden über Drogenprobleme und zwar sehr laut, und ich finde, das gehört nicht in den öffentlichen Raum, das bespricht man hier nicht.“
Sie:“Wir können auch leiser reden. (An den Mann gewandt) Die hat ein Problem, nicht wir! Hahaha!“
Er: „Ja, genau, die hat doch das Problem! Hahaha!“

Da fällt mir leider nichts mehr ein. Den Rest meines Kaffees konnte ich nicht so richtig genießen. Vor kurzem fuhr ich übrigens S-Bahn. Ich war allein im Wagen. Obwohl. Nicht ganz. Ein Mann telefonierte. Sehr laut.
„Ich soll das Geld in 24 Stunden übergeben. Er will es in 24 Stunden!“
(Pause)
„Natürlich habe ich das Geld nicht. Ich hab doch nicht mal Geld für Essen! Ey, Mann, was mach ich jetzt! Der haut mir in die Fresse!“

Leider musste ich an dieser Stelle aussteigen. Hoffentlich haben Sie alle schöne Ostern gehabt und viele spannende Gespräche belauscht, die eigentlich nicht für Ihre Ohren gedacht waren!! (Ach, ich kann noch ein Beispiel nennen: Eine Frau, die sich mit ihrer Mutter am Telefon darüber unterhielt, warum sie nicht schwanger wird; und zwei Angestellte eines privaten Stromversorgers, die in der Stadtbahn laut Namen, Adressen und Geburtsdaten verlasen)
P.S. Heute mal kein P.S.!

3 Kommentare

  1. Der Selbstdarstellungseifer in der Öffentlichkeit nimmt merklich zu, und die Scham über lautstark verkündete höchstpersönliche Probleme ab. Auch ich habe bislang noch kein wirksames Gegenmittel für diese Art von Belästigung gefunden. Selbst wenn ich im Zug ganz laut aus meinem Buch vorlese, kapieren die Selbstdarstellungshelden nicht, was ich damit bezwecken will.

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