What to do in Brünn on a Monday

Brünn/Brno Tag 5: In Brünn gibt es auch an Montagen genug zu tun. Ich stolpere über Helgoland und werde mit einer Autorin verwechselt.

Wenn ich Besuch habe, ist es manchmal ärgerlich, dass in Stuttgart montags alle Museen geschlossen sind. Die Brünner haben für diesen Tag sogar eine eigene Broschüre, „What to do in Brünn on a Monday.“ Die Burg Spielberg/Spilberk zum Beispiel hat auch montags geöffnet. Hoch oben thront sie über der Stadt, wie sich das für eine ordentliche Burg gehört. Nach einem schweißtreibenden Aufstieg zur Burg heißt es nochmal Schweiß vergießen, denn neben dem Turm des Alten Rathauses und den Türmen der Kathedrale St. Peter und Paul ist die Aussichtsplattform im Eckturm der dritte Ort, um Brünn von oben zu betrachten. Das ist so schön, dass ich auf die Kasematten, in Habsburger Zeiten ein Gefängnis für Schwerstverbrecher, gern verzichten kann.

Von der Burg laufe ich auf der anderen Seite wieder hinunter in die Stadt, weil montags die zweite der vier berühmten Brünner Villen zugänglich ist, die Villa Stiassni. Auf einem Spielplatz tummelt sich eine Gruppe Kleinkinder, die von zwei Erzieherinnen beaufsichtigt werden. Lustigerweise kommen sie vom Open Garden, den wir vor ein paar Tagen besichtigt haben. Hana, eine der beiden jungen Frauen, wusste zwar nicht, dass Stuttgart und Brünn eine Partnerschaft haben, aber ihr Großvater ist während des Kommunismus‘ emigriert und hat eine Weile auch in Stuttgart gelebt! Schon wieder so ein Zufall. Ob sie die EU gut oder schlecht finden soll, da ist sie sich nicht so sicher. „Ich bin kein politischer Mensch. Aber wahrscheinlich ist es eine gute Sache. Tschechien geht es gut. Das liegt auch an den EU-Subventionen.“
Eine pragmatische Haltung also! Auf meinem langen Fußmarsch zur Villa Stiassni – schließlich lässt sich eine Stadt am besten zu Fuß erkunden – stolpere ich etwas unerwartet über Helgoland.

Das ist eine geologisch interessante Felsformation auf dem Vankovo-Platz im Masaryk-Viertel, die wegen ihrer Form tatsächlich als Helgoland bekannt ist. Vor lauter Helgoland weiß ich jetzt nicht mehr, wo die Villa Stiassni liegt. Eine ältere Frau weist mir den Weg. Viel Deutsch kann sie nicht, aber es reicht. „Gerade, Gerade, Gerade, Links!“, erklärt sie mir und deutet zum Himmel. „Wetter schön!“ Das Wetter ist in der Tat schön. Es ist heiß. Ich bin eindeutig in der Brünner Halbhöhe gelandet. Wunderschöne Villen, und Stäffele gibt es auch!

Das Masaryk-Viertel war im 19. Jahrhundert eines der wohlhabendsten Viertel Brünns, hier lebten viele jüdische Unternehmer. Heute scheint das der Brünner Killesberg zu sein…

Leider erweist sich der Besuch der Villa Stiassni als etwas unergiebig. Besichtigt werden kann nämlich nur der Park, für das Innere des Hauses müssen es mindestens fünf Personen sein. Die fehlenden vier sind weit und breit nicht zu sehen. Ich kann nicht einmal durchs Fenster spähen, alle Vorhänge und Rolläden sind geschlossen.

Ähnlich wie die Villa Tugendhat gehörte auch die Villa Stiassni einer jüdischen Familie, sie wurde 1927-29 im Auftrag des Textilmagnaten Alfred Stiassni von Ernst Wiesner erbaut. Als die Tugendhats einen Architekten suchten, wandten sie sich zuerst an Wiesner. Nur 9 Jahre lebten die Stiassnis in ihrer Villa, 1938 emigrierten sie nach London, dann nach Brasilien und schließlich nach Kalifornien.

Im Garten treffe ich dann doch noch zwei Österreicher, die gerade mit einer tschechischen Gruppe in der Vila waren. Sie finden die Vila Tugendhat viiiel schöner, ich bin beruhigt. Die Villa Stiassni, so finden sie, sei sogar ein wenig kitschig. Trotzdem schad!

Nach so viel Kultur möchte ich wissen, wie die Brünner ihren Feierabend verbringen. Das tun sie im wunderschönen Park Lužánky. Der alte Baumbestand erinnert an den Stuttgarter Schlossgarten (vor der Abholzung…). Hier geht es sehr sommerlich, friedlich und entspannt zu.

Kinder malen mit Straßenkreide, zwei Frauen machen fiese Fitnessübungen mit viel Liegestütz, jemand hat eine Hängematte zwischen zwei Bäume gespannt. Sport im Park so wie in Stuttgart gibt es auch, gleich zwei Gruppen machen Tai-Chi.

Die beiden, die religiöse Lieder singen, bleiben weitgehend unbeachtet. Kein Wunder, in Tschechien bezeichnen sich 72 Prozent der Bevölkerung als religionslos (2017).

Sehr begeistert scheinen die Tschechen dagegen von veganem Eis zu sein, die türkisfarbenen Wägelchen sind in der ganzen Stadt verteilt und stets umlagert. Das wundert mich, schließlich scheint mir die tschechische Küche extrem fleischlastig zu sein. „Die Älteren wollen ihr Fleisch und ihre Knödel“, sagt die junge Eisverkäuferin, während sie mir ein Holunder-Eis reicht. „Bei den Jungen ändert sich das.“ Man beachte das Nummernschild!

„Jetzt sind wir aber froh, dass Sie da sind!“, werde ich am Abend bei einer Lesung empfangen. Nein, ich bin zwar Autorin, aber die falsche. Tanja Dückers kommt aus Berlin, hat dank der Pünktlichkeit der Deutschen Bahn drei Stunden Verspätung und kann deshalb ihre Lesung im Rahmen des Festivals „Meeting Brno“, das auch den Versöhnungsmarsch organisiert, nur mit Verspätung beginnen. Trotz offensichtlicher Erschöpfung liest sie sehr konzentriert die Kurzgeschichte „Lux Aeterna“, in der es um Demenz geht, die tschechische Übersetzung wird parallel auf die Wand projiziert. Eine deutsche Lesung in Brünn, das ist doch mal was!

Heute Abend treffe ich auch Petr Kalousek wieder, den Geschäftsführer von Meeting Brno, wir haben uns im Rahmen der Stuttgarter Delegation schon ein paarmal gesehen. Also noch ein Abschiedsfoto zusammen mit Tanja und Blank Návratová, der Programmdirektorin von Meeting Brno.

In der Tat. Auch an einem Montag kommt in Brünn keine Langeweile auf! Und morgen gibt es noch einen klitzekleinen Abschiedsblog!

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