Banksy verlässt die Staatsgalerie – und die Briten die EU

Eigentlich sollte Banksys Schredderbild als Dauerleihgabe in der Staatsgalerie bleiben. Nun ist es überraschenderweise nur noch bis zum 2. Februar zu sehen. Weitaus weniger überraschend – und sehr viel schmerzhafter – ist der EU-Austritt Großbritanniens am Freitag, 31. Januar, um Mitternacht. Und last but not least zeigt das Schauspiel Stuttgart die sehenswerte Uraufführung „Die Wahrheiten.“

Bis Sonntag hat die Staatsgalerie verlängerte Öffnungszeiten bis 22 Uhr eingerichtet, und der Last-Minute-Ansturm auf „Love is in the bin“, also in etwa, die Liebe ist im Eimer, ist groß. Wer fotografieren will, muss sich brav in die Schlange stellen. Hinter mir wartet eine Familie, und der kleine Junge ist ganz aufgeregt und findet die Idee, einen Schredder in ein Bild einzubauen, ganz großartig. Der Vater schlägt ihm scherzhaft vor, er könne von den aus dem Rahmen heraushängenden Schnipseln einen als Souvenir abreißen. Ja, so führt man die Jugend an die Kunst heran.

Jedes vernünftige Museum braucht ein vernünftiges Café, wo sich Kunstbeflissene gerne zur Entspannung niederlassen. Die Staatsgalerie hat das „Fresco“, das trotz wechselnden Pächtern und wechselnder Innengestaltung seit Jahren das immergleiche Problem aufweist: Der Service ist unter aller Kanone. Dieses Mal verschwindet der Kellner, als die drei nicht zusammenhängenden Parteien am großen Tisch gleichzeitig zahlen wollen, mit einer eindeutigen Handbewegung (sprich: er steckt sich eine fiktive Zigarette an) aus der Tür hinaus ins Freie und lässt seinen des Zahlvorgangs nicht mächtigen Kollegen allein zurück. Als sich dieser dann doch erbarmt, will er für ein Stück Kuchen und eine Tasse Milchkaffee (jeweils 3,70 Euro) 11,50 Euro berechnen, und auf den dezenten Hinweis, das sei dann doch ein bisschen viel, reagiert er mit den Worten, „Sehen Sie, deshalb will ich nicht kassieren.“ Nein, man sollte das wirklich besser lassen, wenn man nicht rechnen kann.

Weitaus dramatischer als Banksy und Kellner, die nicht rechnen können, ist der EU-Austritt der Briten diesen Freitag. Alle Hoffnungen zum Trotz wird es nun also doch wahr. Verändern wird sich erst einmal nichts, außer, dass die britischen EU-Parlamentarier aus dem EU-Parlament verschwinden. Der 31. Januar markiert den Austrittstermin, und danach muss erst verhandelt werden, wie sich die Beziehungen von EU und Großbritannien in Zukunft gestalten. Die Briten glauben, bis Ende des Jahres werde man sich schon einig, die EU sieht das etwas kritischer, zumal die Briten naiverweise immer noch meinen, sie könnten den freien Zutritt zum Binnenmarkt behalten ohne sich gleichzeitig um die Umweltstandards der EU scheren zu müssen. Ziemlich widerlich ist die Vorstellung, dass die EU-Gegner Freitag Nacht den „Brexit Day“ feiern. Boris Johnson hatte noch die tolle Idee, um 23 Uhr (wegen des Zeitunterschieds, 24 Uhr in Brüssel) Big Ben schlagen zu lassen. Doch das Wahrzeichen der Briten wird gerade restauriert und es hätte Tausende von Pfund gekostet, die Uhr extra in Gang zu setzen, so dass trotz Spendenaktion von diesem Projekt wieder Abstand genommen wurde. Nun wird eine andere Uhr die Zeit herunterzählen. Ja, Prime Minister, so vereint man ein gespaltenes Land, indem man auf der Trauer und Enttäuschung von fast der Hälfte der Bevölkerung, die gegen den Brexit gestimmt haben, so richtig rumtrampelt. Ganz abgesehen von all den Briten, die im europäischen Ausland leben und nicht wissen, welchen Status sie in Zukunft haben, und dann wären da noch die EU-Europäer, die Großbritannien leben, und die nicht wissen, ob sie in Großbritannien bleiben können. Wie kann man so ein Riesen-Schlamassel nur als politischen Erfolg verkaufen??

And now to something completely different. Das Schauspiel Stuttgart zeigt im Kammertheater die Uraufführung des Stücks „Die Wahrheiten“, geschrieben vom erfolgreichen Autoren-Duo und Ehepaar Sarah Nemitz und Lutz Hübner. Sonja und Bruno sind seit Jahren mit Jana und Erik befreundet, doch aus heiterem Himmel beenden Letztere per sms die Freundschaft – ohne Erklärung. Sonja und Bruno fallen aus allen Wolken, und nun fangen sie an zu spekulieren, was der Grund für die Nachricht sein könnte, und das Publikum spekuliert natürlich mit. Daraus wird ein Lehrstück über Freundschaft, Lebensentwürfe und Geschlechter. Ja, Freundschaften zwischen Frauen sind anders als Freundschaften zwischen Männern, und nein, es gibt Dinge, die man vielleicht lieber der Freundin als dem Mann anvertraut, doch wie sieht es mit der Loyalität aus, wenn es hart auf hart kommt? Muss man alles voneinander wissen, und gibt es Wahrheiten, die eine Beziehung zerstören können? Das alles verhandeln die beiden Autoren in Dialogen, die wirklich aus dem Leben gegriffen zu sein scheinen. Absolut sehenswert, und das Publikum dankt es mit langem Applaus.

P.S. Die Zeit ohne Lesungen ist vorbei! Am 14. Februar gibt es eine Lesung aus der „Gebrauchsanweisung für Stuttgart“, dazu schwäbische Anekdoten und Gespräch mit dem Publikum, um 19.30 Uhr im Bürgerzentrum Stuttgart-West, organisiert von den Naturfreunden e.V.!
P.S.S: UND die ALLERALLERALLERLETZTE LESUNG aus „Schätzle allein zu Haus“, am Sonntag, 23. Februar, 20 Uhr, in Ludwigsburg/Scala im Rahmen des Festivals „Schwabenwochen – Kultur aus’m Ländle“!
http://www.scala.live

UND NICHT VERGESSEN, Buchpremiere „Chaos in Cornwall“ am 29. März!

https://theater-der-altstadt.reservix.de/p/reservix/event/1511596

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