Sehenden Auges in die Katastrophe

Die Briten machen mal wieder alles anders – und am meisten Schuld trägt die Regierung

Ich hänge aus verschiedenen, komplizierten Gründen mit meinem britischen Mann in Großbritannien fest. Das hat mir das zweifelhafte Privileg gegeben, in den letzten Tagen den absolut haarsträubenden Umgang der Briten mit dem Corona-Virus aus nächster Nähe zu beobachten – mehr Nähe, als mir lieb ist.

„Social distancing“ ist ein Ausdruck, der sich auch bei uns immer mehr durchsetzt. „Social distancing“ und „self isolation“ bei Corona-Verdacht wird von der Regierung und Premier Boris Johnson gepredigt – seit 2 Tagen. Davor war der Umgang mit dem Virus ein sträflicher. Erst am letzten Freitag wurden die Schulen, Pubs, Restaurants und Hotels geschlossen, davor gab es nahezu keine Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens. Niemand schien Corona ernst zu nehmen. Einen Sicherheitsabstand einzuhalten, wenn niemand anders sich darum schert, ist äußert schwierig. Man solle sich doch brav die Hände waschen und die über 70jährigen gingen am besten in eine Selbst-Isolierung, so für drei, vier Monate, das waren die einzigen Botschaften einer Regierung, die noch bis Ende letzter Woche verkündete, Herdenimmunisierung sei der schnellste Weg aus der Krise. Übrigens dauert self isolation bei Krankheitssymptomen hier nur 7 und keine 14 Tage. Und so gingen die Briten weiter in den Pub und in die Cafés, und nachdem die zumachten, überfluteten sie am sonnigen Wochenende die Parks in London, fielen massenweise in die Feriengebiete in Devon, Cornwall und dem Lake District ein, zogen in ihre Ferienhäuser um – und hielten sich kein bisschen an den Sicherheitsabstand.

Am Montag schließlich zog Boris Johnson die Reißleine: Zwei Meter Abstand sind nun Pflicht, Home Office, wo immer es geht, und das Haus darf nur einmal am Tag für sportliche Aktivitäten verlassen werden. Nicht, dass das irgendjemand überprüfen könnte, angesichts der wenigen Polizisten im Land. Einkaufen und Arztbesuche sind weiterhin erlaubt. Aber auch das scheint nicht zu funktionieren: In London ist die Tube überfüllt, auf Baustellen wird weitergearbeitet, und noch immer sonnen sich Menschen in den Parks, weil sie Corona nicht für einen Virus, sondern für ein Urlaubsziel halten.

Noch Mitte letzter Woche verkündete ein „Experte“, die Briten seien schließlich ein extrem widerstandsfähiges Volk, das würde schon alles nicht so schlimm. Und entsprechend schießen die Fallzahlen in die Höhe in einem Land, das seit Jahren nicht in sein Gesundheitssystem investiert. Es fehlt an allem, nicht zuletzt wegen des Brexit, der unzählige Angestellte im NHS, dem National Health Service, hat Reißaus nehmen lassen. Es fehlt an Personal, Handschuhen, Beatmungsgeräten. Krankenschwestern ziehen sich Plastiktüten über die Hände, um sich notdürftig vor Ansteckung zu schützen, und es steht zu befürchten, dass es in ein, zwei Wochen ganz schlimm kommen wird, wenn die Ansteckungsfälle der letzten sorglosen Tage offensichtlich werden und die Fallzahlen explodieren.

Großbritannien hätte sich vorbereiten können, man hätte aus dem Beispiel Italien und Deutschland lernen können, viel früher reagieren, viel schneller das öffentliche Leben einschränken können. Es wäre bedingt durch die Insellage relativ einfach gewesen. Das ist nicht passiert. Es scheint so, als meinte nicht nur die Regierung, sondern auch immer noch viele Briten, das alles passiere in Europa – womit sie nicht sich selber meinen – aber doch nicht hier. Man lässt sich schließlich nichts vorschreiben. Und so ist das eine fahrlässige Fortsetzung der Brexit-Politik, die unzählige Menschen das Leben kosten wird. Noch immer müssen wir beim Einkaufen sehr darauf achten, dass uns niemand zu nahe kommt, noch immer sehen uns manche Leute an, als seien wir komplett hysterisch, wenn wir beim Spazierengehen einen großen Bogen um sie machen. A propos Einkaufen, wenn in Deutschland gehamstert wird, dann ist das ein Witz im Vergleich dazu, was hier passiert. Klopapier gibt es seit gut einer Woche nicht mehr – jedesmal, wenn wir in den Supermarkt kommen, heißt es, die Regale seien aufgefüllt, aber von den Leuten wie Heuschrecken wieder leergeräumt worden. Nun gibt es Beschränkungen bei der Anzahl bestimmter Produkte, und bestimmte Einkaufszeiten für ältere Menschen und Pflegepersonal. Ein Video erschütterte das Land, auf dem eine in Tränen aufgelöste Krankenschwester sagte, sie würde den ganzen Tag ihr Leben für Patienten riskieren, nur um dann am Abend in einen vollkommen leergeräumten Supermarkt zu kommen.

Aber nicht alles ist schlecht: Auf einen erst Montag Abend erfolgten Aufruf, Freiwillige sollten bei der Unterstützung von Schwachen und Kranken und Alten helfen, beispielsweise einkaufen oder Medikamente besorgen, reagierten bis heute Abend 405.000 Menschen. Und trotzdem bleibt ein großes Unbehagen. Dieses Land wird von einem egozentrischen Clown regiert, der vollkommen ungeeignet ist für Krisenmanagement, der ständig widersprüchliche Nachrichten verbreitet, einen wilden Zick-zack-Kurs fährt und nichts tut, um seinen Landsleuten Hilfe, Orientierung und Zuversicht zu geben.

Panic buying, stock piling und die Folgen

UND TROTZDEM erscheint in zwei Tagen Chaos in Cornwall, und die Buchhandlungen liefern umsonst aus! Osiander/Wittwer/Thalia!

6 Kommentare

  1. Liebe Frau Kabatek,
    Sie sprechen mir aus der Seele. Ich verfolge die britischen Nachrichten sehr genau und werde auch von meinem Sohn, der in Norwich wohnt, jeden Tag auf den neuesten Stand gebracht. Ich weiß also sehr genau, wie leichtsinnig der Premierminister gehandelt hat und handelt und hoffe nun nur, dass bei den Bürgern allmählich die Vernunft siegen wird und sie zu Hause bleiben, so dass ihnen italienische Verhältnisse erspart bleiben.
    Ich wünsche Ihnen Gesundheit!!
    Beste Grüße
    Sonja Schanz-Cartledge
    Ihr Buch bestelle ich natürlich online und freue mich schon darauf.

  2. Liebe Frau Kabatek!
    Auf Ihr Buch freue ich mich unglaublich – alles, was in dieser Situation ein bisschen ablenkt… Und vor dem Hintergrund, dass Sie wie ich mit einem Briten verheiratet sind, wird es bestimmt noch interessanter 🙂
    In der Vorfreude, irgendwann auch mal wieder eine Lesung mit Ihnen genießen zu können, sende ich Ihnen viele Grüße.
    Bleiben Sie gesund!
    Claudia Clark

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